Ein Foto vom Tag der Hochzeit vor mehr als 60 Jahren.
Noch immer glücklich und füreinander da: Helga und Paul Puppe. © Sabine Hermsdorf-hiss (2)
Münsing – Sie waren sich schon früh über ihre Zukunft einig: Sie sollte erstens gemeinsam stattfinden und zweitens im Westen. Denn kennengelernt haben sich Helga und Paul Puppe, heute 84 und 83 Jahre alt, vor 65 Jahren in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Im Waldkrankenhaus absolvierte sie ihre Staatsexamen-Prüfung als Krankenschwester, er machte eine Ausbildung zum Pfleger. „Wir waren von Anfang an auf derselben Wellenlänge, wir hatten sofort eine Vertrauensbasis“, erzählt Paul Puppe heute. „Und wir hatten dieselben Erwartungen ans Leben.“
Eine davon lautete, nicht in der DDR zu bleiben. „Wir standen dem Regime von Anfang an kritisch gegenüber.“ Doch solche Gedanken überhaupt zu äußern, war gefährlich, man wusste nie, wer gerade zuhörte. Also trafen sich Helga und Paul zu mitternächtlichen Spaziergängen im Wald, um dort ungestört zu sprechen. Schon bald hegten sie einen Plan. Helga wollte noch ihren 20. Geburtstag am 19. August 1961 daheim im Kreise ihrer Familie feiern – dann würden die beiden in den Westen gehen.
Doch am 13. August änderte sich alles. Die Berliner Mauer wurde gebaut. Damit waren alle Pläne zunichte. Die beiden mussten sich gezwungenermaßen anpassen, doch gemeinsam ging auch das gut. Sie heirateten, bekamen 1964 einen Sohn. Er wurde Buchhändler, sie Gemeindekrankenschwester. „Wir haben eine herzensgute Beziehung“, sagt Paul Puppe. „Das Motto lautete immer: Sie für mich, ich für sie – und wir beiden für unseren Sohn.“
Das wurde 1977 auf die Probe gestellt. Denn Paul Puppe wurde als Parteiloser im Buchexport für Reisen in die BRD ausgewählt. Er wusste: Das ist die letzte Chance auf ein Leben im Westen. Seiner Frau durfte er allerdings nichts davon verraten, sie hätte wegen Mitwisserschaft angeklagt werden können. Doch er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. „Das hat die Entscheidung einfacher gemacht.“
Als er schließlich in der BRD war, rief er seine Frau auf ihrer Gemeindeschwesterstation an. Er sagte, dass er im Westen bleiben werde. „Und ihr müsst jetzt bei der Staatssicherheit eure Ausreise beantragen.“ Sie war schockiert. Doch nach kurzem Zögern war sie zu allem bereit. Es folgten zig Verhöre, doch da sie nichts von den Plänen ihres Mannes gewusst hatte, konnte ihr die Staatssicherheit nichts vorwerfen. Währenddessen versuchte Paul, in der BRD sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen. Er fand eine Anstellung bei einem Münchner Verlag. Von dort aus versuchte er es überall, bei Behörden, bei Politikern. Alle signalisierten Unterstützung, doch nichts passierte. Schließlich hatte Puppe eine Eingebung. Er rief im Büro von Hans-Dietrich Genscher, dem damaligen Bundesaußenminister, an, erzählte seine Geschichte und erwähnte, dass sein Vater nach dem Krieg mit Genscher in einem Sanatorium gelegen hatte. Plötzlich wurde die Ausreise genehmigt. Nach 13 Monaten Bangen wurde die Familie in München wiedervereint.
Heute lebt der Sohn in München und hat eine Tochter. Helga und Paul Puppe wohnen in Münsing, er hat jahrelang die Bahnhofsbuchhandlung in Starnberg geführt. Die beiden sind krankheitsbedingt etwas eingeschränkt. Aber er sagt: „Wir haben immer versucht, nach vorne zu schauen, und das tun wir auch heute noch.“NINA PRAUN