Auf Entzug in den Bergen

von Redaktion

Zwölfjähriger macht Therapie, um seine Computersucht zu besiegen

Die Teenager verbringen sechs Wochen in der Reha-Klinik Schönsicht bei Berchtesgaden.

Tims Leben bestand aus Zocken. Dank der Therapie verbringt der Zwölfjährige seine Zeit heute lieber mit lesen. © Pfeiffer (2)

Berchtesgaden – Tim turnt über den Abenteuerspielplatz hinter der Reha-Klinik Schönsicht, als hätte er hier, oberhalb des Berchtesgadener Talkessels, neue Energie gefunden. Holz, Seile, Kletterelemente, kühle Luft. Dahinter die Berge, die den Blick heben. Bis vor Kurzem war das für ihn kaum vorstellbar. Sein Alltag daheim kreiste nur um den Computer. „Ich hab immer nur gezockt“, sagt Tim, der eigentlich anders heißt. „Ich hab eigentlich alles dafür getan, dass ich spielen kann“, erzählt er. Zehn bis 13 Stunden am Tag, und es wurden immer mehr. Für Schule und Schlaf blieb kaum noch Zeit. Schlechte Noten, keine Hausaufgaben, am Ende der Versuch, dem Unterricht ganz aus dem Weg zu gehen. Tim zockte vor und nach der Schule, später ging er immer seltener hin. Seine Freunde sah er kaum noch, sein Leben bestand nur noch aus dem Spielen.

Sein Vater hatte zu Hause etliche Konsolen. Also entwickelte Tim Strategien. Er umging seine Mutter und log – Hauptsache er konnte vor dem PC, der Xbox, der Nintendo Switch oder am Handy sitzen. Er spielte Brawl Stars, Clash of Clans oder Roblox – alles, was keine Pausen verlangt. Irgendwann fand die Familie den Kontakt zur Klinik Schönsicht, einer Reha-Klinik für Kinder und Jugendliche in Berchtesgaden. Seit einigen Wochen ist Tim nun hier. In der ersten Woche durfte er das Handy täglich nur etwa zwei Stunden nutzen. „Da hatte ich schon so einen Entzug“, sagt er. Danach folgten eine Abstinenzwoche sowie ein Zeitkontingent von sieben Stunden pro Woche. Weniger Zeit, klarere Regeln, zudem mehr Struktur. Keine Strafe, betont Tim, eher ein Rahmen. Einer, der ihm zeigt, dass ein Tag auch ohne Dauerreiz funktionieren kann.

In der Klinik entdeckt er Alternativen: Er geht schwimmen, weil es zum Programm gehört. Er findet Gefallen am Töpfern. Er ist draußen, bewegt sich, spielt, sogar mit anderen. Tim probiert die Lama-Therapie aus – und merkt, wie gut ihm das tut. „Ich wollte gar nicht mehr ans Handy denken.“ Er wollte nicht mehr, dass es seinen Alltag bestimmt. Jetzt liest er lieber.

Für die Rückkehr nach Hause erstellten die Therapeuten einen Plan. Tim sagt, er habe keine Angst vor einem Rückfall. Er möchte wieder mehr Spaß am Leben haben. Der Satz klingt bei ihm nicht auswendig gelernt. Eher wie eine Feststellung nach intensiver Selbstbeobachtung.

Geschichten wie die von Tim treiben die Klinikleiterin Iris Edenhofer um. Die exzessive Mediennutzung sei in den vergangenen Jahren massiv gewachsen, sagt sie. Etwa vier Prozent der Teenager haben ein pathologisches und 30 Prozent ein problematisches Mediennutzungsverhalten. In der Klinik Schönsicht werden fast nur Jungs behandelt, Mädchen spielen weniger. Dafür nutzen sie häufiger Social Media und folgen Influencern. Edenhofer plädiert deshalb für eine klare Linie. Handynutzung unter 14 Jahren solle grundsätzlich nicht erlaubt sein. Zu oft hat sie erlebt, wie Kinder ihre Eltern bestehlen, um Guthaben fürs Zocken zu haben, wie sie sich aus der Schule und ihrem Alltag ausklinken. Bundesweit gibt es zu wenig spezialisierte Behandlungsplätze, betont sie. Und eine reiner Handy- oder Computerentzug ist laut Experten keine Lösung. Deshalb läuft in der Schönsicht das Pilotprojekt Meki – ein spezielles Reha-Konzept für internet- und medienabhängige Jugendliche. Tim ist einer von acht Jugendlichen, die für sechs Wochen behandelt werden. Der Ortswechsel hilft Jugendlichen gegen die Sucht anzukommen. Und die Berge helfen ihnen dabei, wieder mehr wahrzunehmen. Ganz ohne Bildschirm.K. PFEIFFER

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