Mit Krebs in ein zweites Leben

von Redaktion

Von Ebersberg an die Nordsee: Dekanatsreferentin sucht Heilung durch radikalen Schritt

„Hoffnung heißt, nicht vor der Realität zu fliehen, sondern dort auf Gott zu vertrauen, wo nichts mehr sicher scheint“: Anja Sedlmeier, Dekanatsreferentin, die wegen ihrer Krebserkrankung an die Nordsee zieht. © Rossmann

Ebersberg/Grafing – Anja Sedlmeier hatte gerade ihren 50er gefeiert und eine leitende Stelle im Dekanat Ebersberg angetreten. Die Kinder waren aus dem Haus, sie wollte noch einmal richtig durchstarten. Dann der Schock. Eine Diagnose durchkreuzte das Leben der Grafingerin und veränderte alles. Brustkrebs, schnell wachsend. „Alles war auf einen Schlag ausgebremst“, sagt sie.

Es folgen Operation, Bestrahlung, Hormontherapie. Die Nebenwirkungen der Medikamente beuteln sie. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Ein Jahr später spricht sie mit einer überraschenden inneren Ruhe über ihre Krankheit. Ihre Worte beschönigen nicht, aber sie verdunkeln auch nichts.

Die 51-Jährige ist noch nicht geheilt, aber sie hat sich entschieden, den Prognosen mit Hoffnung zu begegnen. Zuversicht ist eine Haltung, das wird schnell klar, wenn man ihr zuhört. „Ich will trotz allem in der Kraft bleiben“, sagt sie und strahlt dabei eine bemerkenswerte Lebensfreude aus. Die Ärzte hätten ihr gesagt: „Sie sind die fröhlichste Brustkrebs-Patientin, die wir jemals hatten“, erzählt sie – und man glaubt es sofort.

Der Glaube, sagt die Sozialpädagogin und katholische Theologin, habe ihr geholfen. Sie sagt das ohne Pathos, ohne Mission. Einfach als Tatsache ihres Lebens. In der Krise, in denen andere erst Recht ins Zweifeln gerieten, sei ihr Glaube im Gegenteil gewachsen. „Hoffnung heißt, nicht vor der Realität zu fliehen, sondern dort auf Gott zu vertrauen, wo nichts mehr sicher scheint“, meint sie.

Mit diesem Vertrauen wagt sie einen radikalen Schnitt. „Ich muss etwas verändern, weil ich wieder gesund werden will“, erklärt sie. Aufgewachsen ist sie in Parsdorf, ihre Kinder hat sie in Grafing großgezogen. Jetzt lässt sie Familie und Freunde hinter sich und zieht an die Nordsee, ganz allein. Nach Heide, unweit des Deiches, ein Ort, an dem sie niemanden kennt. Sie tritt eine Stelle in der Pfarrei St. Nikolaus Itzehoe, Erzdiözese Hamburg, an. „An der Nordsee geht es mir immer gut, ich lebe da richtig auf“, sagt sie. Der Luftdruck sei geringer, das täte ihrem Lymphsystem gut, die Nebenwirkungen der Krebstherapie seien für sie persönlich leichter zu ertragen.

Ihr Ehemann, Lehrer am Gymnasium Kirchseeon, bleibt hier. Die beiden werden eine Fern-Ehe führen, ohne Alltag, dafür mit regelmäßiger Qualitätszeit alle paar Wochen. Auch die beiden erwachsenen Kinder leben in Bayern. „Unsere Basis bleibt hier“, sagt Anja Sedlmeier.

Mit ihrer Entscheidung habe sie viele langjährige Begleiter vor den Kopf gestoßen. „Aber ich spüre einfach, dass das richtig ist.“ Der Krebs habe sie radikaler gemacht. „Ich schiebe nichts mehr“, sagt sie. Ihren 51. Geburtstag hat sie auf den norwegischen Hurtigruten verbracht, ebenfalls allein, ihr Ehemann reise nicht gerne.

Selbstverständlich schmerze der Abschied von der Heimat und den geliebten Menschen. Und doch blickt die Grafingerin mit Freude ihrem Abenteuer an der Nordsee entgegen. „Ich bin gelassener geworden, schließlich habe ich gelernt, dass das Leben nicht so planbar ist, wie wir oft denken.“

Den Ebersbergern hinterlässt die Dekanatsreferentin u. a. eine ganze Reihe an Trauerangeboten (siehe Kasten). Diesen Bereich hat sie in den vergangenen Monaten, ausgelöst durch den eigenen Krebs, aktiv ausgebaut. Die Menschen sollen erleben, dass sie in Krisen nicht alleine sind – und es heilsam sein kann, sich zu öffnen. „Ich will anderen Mut machen, mit dem Einschnitt durch Krankheit oder Tod öffentlich umzugehen.“UTA KÜNKLER

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