Ein Schäffler-Banner auf der Kuppel des Justizpalastes.
Vater-Sohn-Selfie vor dem Prinz-Carl-Palais am Hofgarten: Nikolaus und Nepomuk Walther. © Marcus Schlaf
Schwindelerregend: Die historische Baustelle der Frauenkirche. © Schäffler (2)
München – Wenn man mit Nikolaus Walther, 58, durch München spaziert, dann braucht er ganz oft seinen Zeigefinger. „Das haben wir gemacht“, sagt er, und deutet auf das Dach des Prinz-Carl-Palais am Hofgarten, dem offiziellen Amtssitz des Ministerpräsidenten. Weiter geht‘s zu den Statuen am Promenadeplatz vorm Bayerischen Hof: „Die Bleifugen – auch von uns.“ Das Dach vom Justizpalast. Sport Schuster am Marienplatz. Breuninger in der Sendlinger Straße. Gebäude, die jeder kennt – die Firma Fritz Schäffler GmbH & Co KG hat ihre Dächer gedeckt, Regenrinnen verlegt und was Spengler sonst noch machen. Chef Nikolaus Walther ist stolz auf jedes Trumm, das aus seinem Familienbetrieb stammt. Aber ein Bauwerk ragt heraus.
Die Spengler von Schäffler, einem Mittelstandsbetrieb mit aktuell 13 Mitarbeitern, der jetzt sensationelle 150 Jahre alt wird, haben die Nordkuppel der Frauenkirche gedeckt. 2500 Arbeitsstunden, 1953 war sie fertig. „Bei jedem Foto von der Münchner Innenstadt sieht man unsere Arbeit“, sagt Nikolaus Walther. „Etwas Schöneres gibt es nicht.“
Er steht jetzt auf der Dachterrasse des Bayerischen Hofs, siebter Stock, nirgendwo kommt man näher an die Spitzen des Doms zu Unserer Lieben Frau heran. 98,57 Meter ist der Nordturm hoch, der Südturm minimal kleiner. Neben Walther steht sein Sohn Nepomuk, 23 Jahre alt, Azubi zum Spengler im Familienbetrieb. Die beiden blättern in einem alten Fotoalbum aus dem Nachlass eines früheren Mitarbeiters – irgendjemand hat es mal auf der Auer Dult entdeckt, gekauft und an Walther verkauft. Die vergilbten Bilder zeigen die Kuppel nach dem Krieg, notdürftig eingedeckt mit Holzschindeln. Dann mit Gerüst, schwindelerregend, wie die Arbeiter dort oben stehen. Ein Zeitungsartikel vom September 1953 erzählt, dass in die goldenen „Knöpfe“ auf den Spitzen Pläne gelegt wurden und Währung – für die Nachwelt. Ein großes Stück Stadtgeschichte, und die Vorfahren von Nepomuk und Nikolaus Walther haben sie mitgestaltet.
1896 kauft Leonhard Schäffler, Urgroßvater von Nikolaus Walther, den Betrieb, schon damals konzentrieren sie sich auf Monumentalbauten. Mit den Nazis haben sie nichts zu schaffen, nach dem Krieg übertragen die Amerikaner der Firma die Verantwortung für die Dächer im Münchner Osten. Sie machen unter anderem das Dach der Matthäuskirche, viele Hotels, das Amerikahaus, das Krankenhaus Rechts der Isar. Der Betrieb ist spezialisiert auf Denkmalschutz.
Nikolaus Walther studiert als junger Mann Jura, darf in New York arbeiten, obwohl es in der Kellerstraße 37, Haidhausen, den Familienbetrieb gibt. Schon immer packt er mit an, „anders geht es nicht in so einer Firma“, sagt er. Als 1984 ein historisches Hagel-Unwetter den Münchner Osten zerstört, klaubt er von früh bis spät kaputte Ziegel von der Straße. Er erinnert sich daran, wie seine Mutter stets für die ganze Belegschaft gekocht hat. „Wie in einer Landwirtschaft, so war das damals.“ Er macht zusätzlich zum Studium eine Ausbildung zum Spengler, löst irgendwann seinen Vater als Chef ab, bis heute unterstützt von seiner Frau Angelika. Sein ältester Sohn Nepomuk geht einen ähnlichen Weg: Er hat Forstwissenschaften studiert und ist jetzt der einzige Spengler-Azubi im Betrieb, der inzwischen in Feldkirchen im Kreis München seine Produktionsstätte hat. „Ein toller Beruf“, sagt der 23-Jährige, der noch zwei jüngere Geschwister hat. Wenn er auf einem Gerüst steht, spürt er Freiheit. Und auch Verantwortung.
Nicht nur Münchner Dächer kommen aus dem Hause Schäffler. Das Rotwandhaus zum Beispiel haben sie gedeckt, da war Nikolaus Walther schon Chef. Er erinnert sich gut an die Baustelle: Um die Blechbahnen auf den Berg im Spitzinggebiet zu transportieren, schafften sie extra Geländewagen an. Ein harter Job, ein hartes Geschäft: Es ist nicht leicht, heutzutage Personal zu finden. Oder Aufträge zu ergattern, wenn sich Betriebe aus ganz Europa bewerben. Oder, ganz simpel, einen Parkplatz bei einem Kunden in der Münchner Innenstadt zu kriegen. Die Schäfffler-Spengler führen nämlich auch ganz normale Aufträge aus, eine Gaube auf einem Häuschen, die Regenrinne an einem Mehrfamilienhaus.
Das Firmenjubiläum wird natürlich gefeiert, morgen im Augustiner Keller. Die Schäffler werden tanzen, auch wenn unklar ist, ob der Firmenname tatsächlich von den Fassmachern kommt. Ministerpräsident Markus Söder hat ein Grußwort angekündigt. Das macht die Walthers stolz. Aber am allerschönsten, sagt der Chef, ist es auf dem Dach. „Dann ist nur noch der liebe Gott über uns.“ CARINA ZIMNIOK