Marija Boberschmidt soll wieder Worte finden. © TUM
Ein Kabelanschluss verbindet Gehirn und Computer.
Messungen im Gehirn: Professor Simon Jacob mit Patient Michael Mehringer, der lernen soll, einen Roboterarm mit seinen Gedanken zu steuern. © KATHRIN CZOPPELT (2)
München – Marija Boberschmidt hat in ihrem Kopf einen HDMI-Stecker, wie man ihn vom Laptop oder DVD-Player kennt. Darunter liegt eine Hirn-Computer-Schnittstelle mit 256 eingesetzten Mikroelektroden, die ihr dabei helfen soll, wieder Worte zu finden. Vor rund zehn Jahren, mit Mitte 40, erlitt Marija Boberschmidt einen Schlaganfall, der ihr Gehirn so schädigte, dass sie seither unter einer schweren Sprachstörung leidet. Ihre Gedankenwelt ist lebendig, aber sie kann das, was sie denkt nur sehr begrenzt ausdrücken. Die dazugehörigen Worte kommen ihr nicht über die Lippen. „Wie eingeschlossen“, muss man sich das vorstellen, sagen die Ärzte. Regelmäßige Sprachtherapie im TUM Klinikum Rechts der Isar und gleichzeitige Mikrostimulation sollen ihren Zustand verbessern – und zeigen – wenn auch langsam – Erfolge, die die Patientin in Stichworten ausdrücken kann. Wie es ihr geht? „Gut, einkaufen super, Wäsche, bisschen sauber machen, spazieren gehen – total wichtig“, so klingt eine solche Antwort dann. Der Weg ist weit.
Aus Forschungssicht ist Marija Boberschmidt aber schon jetzt eine weltweite Sensation. Denn in ihrem Gehirn finden Messungen statt – mithilfe von KI werden Sprachintentionen entschlüsselt. „Die Schnittstelle erlaubt uns, die Kommunikation der Nervenzellen und ihrer Netzwerke im Gehirn besser zu verstehen“, sagt Simon Jacob, Professor für Translationale Neurotechnologie an der Münchner Klinik. Und wenn man daraus ablesen kann, dass Marija Boberschmidt an ein Schaf denkt, kann man eines Tages vielleicht auch den Impuls setzen, der sie das Wort „Schaf“ dann auch aussprechen lässt.
So weit ist es noch nicht. „Es ist wichtig, dass die Patienten nicht im allerersten Schritt nur ans Heilen denken“, sagt Hirnchirurg Prof. Bernhard Meyer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, der die Operation durchgeführt hat – auch wenn Heilung natürlich am Ende als Ziel steht. Marija Boberschmidt sei darüber aufgeklärt, dass ihre Daten aber zu einem sehr wichtigen Teil der Forschung dienen. Das gilt auch für Michael Mehringer, einen nach einem Motorradunfall gelähmten jungen Mann, der mithilfe der Hirn-Computer-Schnittstelle lernen soll, einen Roboterarm mit seinen Gedanken zu steuern. Es war der erste derartige Eingriff in ganz Europa.
Wo die Reise noch hingehen könnte? „Durch die Forschung an Hirn-Computer-Schnittstellen stehen wir am Beginn einer neuen Zeit, in der schwere kognitive oder motorische Störungen nicht mehr unbehandelbar bleiben“, sagt Jacob. Moderne Datenverarbeitungsmöglichkeiten dürften die Entwicklung enorm beschleunigen. Hirnchirurg Meyer hält es für denkbar, dass in einigen Jahrzehnten selbst für gesunde Menschen theoretisch die Möglichkeit bestehen könnte, ihr biologisches Hirn elektronisch zu erweitern. Gerade weil das ethische Fragen aufwerfe, sei es so wichtig in der Forschung voranzugehen. „Jemand wird diese Grenze überschreiten“, sagt Meyer. Die Frage ist, ob man das wirklich anderen auf dieser Welt überlassen will.
Die CSU im Landtag will das nicht. „Innovationen in der Medizin werden in Zukunft aus meiner Sicht vor allem auch im Techbereich entstehen und in sehr schneller Zeit unglaubliche Entwicklungen auslösen“, sagt Fraktionschef Klaus Holetschek unserer Zeitung. „Was heute noch als Science-Fiction bezeichnet wird, ist längst Realität und wird in kurzer Zeit noch weitergehen.“ Die CSU-Fraktion kündigt an, sich dafür einzusetzen, dass „dieses wichtige Projekt“ im TUM Klinkum Rechts der Isar „mit einer Initiative finanziell unterstützt wird“.SEBASTIAN HORSCH