Noch nie gezeigt: Sisi um 1855 auf einem Ölgemälde von Franz Schrotzberg.
Die Sisi-Geschwister auf einem Gemälde von 1892: Sophie Charlotte (v. li.), Max Emanuel, Carl Theodor, Helene, Ludwig Wilhelm, Mathilde und Marie Sophie. © Graf (2)
München – Der Münchner Historiker und Filmemacher Bernhard Graf hat so ziemlich jedem Verwandten Sisis nachgespürt. Vom Urgroßvater Wilhelm zu Gelnhausen, der 1752 geboren und zum ersten Herzog in Bayern wurde, bis zu jenen, die zu königlichen Hoheiten und Majestäten aufstiegen, und deren Kindeskindern. Für sein neues Buch „Sisis Familie“ ist der 63-jährige Wittelsbacher-Experte zu historischen Schauplätzen in ganz Europa gereist und er war in den Wohnzimmern der Nachfahren zu Gast. Etwa bei Herzog Max Emanuel in Bayern, dem Urenkel vom „Gackel“, Sisis Lieblingsbruder Carl Theodor (1839–1909). So hat Graf auch 150 teils noch nie gezeigte Gemälde und Fotografien zusammengetragen. Eines zeigt die junge Elisabeth als Kaiserin, gemalt in Öl von Franz Schrotzberg um 1855.
Aber von vorne: Sisis Eltern, Herzog Max in Bayern und Prinzessin Ludovika von Bayern, bekommen zwischen 1831 und 1849 etwa alle zwei Jahre ein Kind. Zwei Säuglinge sterben. Acht Kinder gilt es zu verheiraten. „Als Sisi zur Kaiserin von Österreich wird, wird diese Nebenlinie der Wittelsbacher urplötzlich für alle Höfe Europas interessant“, erklärt Graf. „Das könnte den Ehrgeiz Ludovikas geweckt haben, sie war im Vergleich zu ihren Schwestern ja die Einzige, die nie Souveränin geworden ist.“
Die Kuppelei überlässt Herzog Max – Freigeist und keinesfalls der umsorgende „Papili“ aus der kitschigen „Sissi“-Trilogie von Ernst Marischka – seiner Frau. Nur einmal mischt er sich ein, weiß Graf. Beim Gackel. Denn der war zum künftigen Familienoberhaupt und Erben geworden, als der älteste Sohn Ludwig Wilhelm (1831–1920) ein Kind mit der Schauspielerin Henriette Mendel bekam und sie heiratete. Ludwig war zuvor schon Quertreiber gewesen. Ludovika hatte ihn an den Dresdener Königshof geschickt, damit er keinen schlechten Einfluss auf Carl Theodor nehmen konnte. „Mit der Heirat Mendels hat er nicht nur auf ein riesiges Vermögen verzichtet, sondern im weitesten Sinne auch auf den Anspruch auf den bayerischen Thron“, sagt Graf.
Carl Theodor heiratet die Königstochter Sophie von Sachsen. Es muss Liebe gewesen sein. Das liest man in herzzerreißenden Telegrammen, die er nach ihrem frühen Tod 1867 verfasst. Da war Töchterchen Amélie ein Jahr alt. „Zudem kämpfte er 1866 und 1870/71 als Offizier im Krieg“, sagt Graf. „Die psychische Belastung lässt ihn den Entschluss fassen, einen völlig anderen Weg zu gehen. Er studiert Medizin, Protesten der Verwandtschaft und Professoren zum Trotz.“ Ein russischer Arzt bildet ihn in Augenheilkunde aus, noch bevor die Disziplin diesen Namen trägt. Er macht Karriere, wird Präsident der Ärztekammer in Berlin und 1888 nach dem Tod Herzog Max‘ Familien-Chef.
„Auf Fotos sieht Carl Theodor streng aus, aber Sisi muss ihn viel lachen gesehen haben“, sagt Graf. „Dieser ausgeglichene, gutmütige Kerl brachte die Familie immer wieder zusammen.“ Der Gackel ist auch beim Volk beliebt. Er gründet drei Krankenhäuser in Tegernsee, Meran und München, gibt in mehr als 1000 Operationen gegen Grauen Star den Patienten ihr Augenlicht zurück. Seine zweite Frau, Portugals Königstochter Marie José, unterstützt ihn und er sie gleichermaßen.
Carl Theodor wird 70 Jahre alt. Er erlebt den Tod von fünf Geschwistern. Der „Mapperl“, Nesthäkchen Maximilian Emanuel (1849–1893), stirbt mit nur 43 an einer Magenblutung. Schwester Sophie Charlotte (1847–1897) kommt bei einem Brand in Paris um, weil sie andere Frauen zuerst evakuieren lässt. Sisi wird nur ein Jahr später in Genf ermordet.
Die Zweitgeborene Helene stirbt schon 1890 an einem Unterleibsleiden. Sisi hält Nenés Hand auf dem Totenbett in Regensburg, bis sie ihre letzten Worte auf Englisch spricht. Es ist die Sprache, die ihre einstige Gouvernante die Schwestern zu lieben gelehrt hatte. Der Kaiser hatte sich einst für Sisi entschieden, ja. „Einen Bruch der Schwestern hat es aber nie gegeben, auch wenn Helene oft angedichtet wird, beleidigt gewesen zu sein“, erklärt Graf. Helene heiratet Maximilian Anton von Thurn und Taxis aus Liebe. Als er mit nur 35 Jahren stirbt, führt sie sein Haus weiter.
„Eines muss man festhalten: Jede von Sisis Schwestern steht in ihrer jeweiligen Situation ihre Frau“, sagt Graf. Als Sophie Charlotte in den Flammen stirbt, hat sie ein turbulentes Leben hinter sich. Sie sollte den bayerischen König Ludwig II. heiraten. Dazu kam es aber nie, er verschob die Hochzeit zweimal und löste dann die Verlobung. Als Herzogin von Alençon betrügt sie ihren Ehemann mit einem Arzt. Ihre Scheidungsabsichten erstickt man durch die Einweisung in eine Nervenheilanstalt in Graz, die auf „sexuelle Abartigkeiten“ spezialisiert ist. Danach wird Sophie Charlotte zu einer religiösen Frau. Bei der Brandkatastrophe im „Bazar de la Charité“ kommt sie mit weit über hundert Menschen um.
Mit ähnlich viel Dramatik wartet der Lebenslauf von Marie Sophie (1841–1925) auf. Sie soll die Schönste der fünf Schwestern gewesen sein. Zur Hochzeit mit König Francesco II. beider Sizilien steht sie mit einem „Stellvertreter“-Bräutigam vor dem Altar. Ihrem Mann begegnet sie erst in Bari. Auf ihr Bitten hin heiratet ihre Schwester „Spatz“, Mathilde Ludovika (1843–1925), den Halbbruder ihres Mannes. Als der neapolitanischen Königsfamilie die Macht entrissen wird, spricht Marie ihren Soldaten bis zuletzt Mut zu, versorgt Verwundete und steht selbst mit dem Gewehr auf den Zinnen der Festung. Als „Heldin von Gaeta“ geht sie in die Geschichte ein, auch wenn sie danach ein Leben im Exil führt.
„Neben den Gesprächen mit den Nachfahren berichte ich sonst nur anhand authentischer historischer Quellen wie Tagebücher, Briefe und Telegramme“, sagt Bernhard Graf über sein neues Buch. „Das Persönlichkeitsrecht endet nicht nach dem Tod. Umso schlimmer finde ich, wie zurückgeblieben und falsch aktuelle Filme und Serien noch immer über das Leben der Kaiserin von Österreich und ihrer Familie berichten.“ Nur wer sich mit Forschung beschäftigt, könne über jene Menschen urteilen und provokantes Film-Drama von den Tragödien, die das Leben schreibt, unterscheiden. CORNELIA SCHRAMM
Das Buch
„Sisis Familie: Herzoginnen und Herzöge in Bayern“ von Bernhard Graf, Allitera-Verlag, 472 Seiten, Preis: 39,90 Euro.