Fahrschulen fehlen die Schüler

von Redaktion

Fahrlehrer Ludwig Christof spürt in Holzkirchen deutlich, dass sich weniger Fahrschüler anmelden. © THOMAS PLETTENBERG

München – Vor ein paar Tagen hat Ludwig Christof in seiner Fahrschule in Holzkirchen im Kreis Miesbach alle Fahrlehrer zu einem Teammeeting zusammengetrommelt. Das große Thema: die fehlenden Neuanmeldungen von Fahrschülern. Der 41-Jährige wollte mit seinen Kollegen besprechen, wie der Einbruch abgefangen werden kann. Ein Fahrlehrer ist Reservist bei der Bundeswehr. Er bot an, für zwei oder drei Monate auf eine Wehrübung zu gehen. „Damit wir andere Fahrlehrer auslasten können und nicht ausstellen müssen“, sagt Christof. In seiner Fahrschule sind die Neuanmeldungen um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. In den meisten anderen Fahrschulen im Land ist die Situation ähnlich. Ludwig Christof kann die Situation momentan noch gut händeln, er nutzt die Zeit, um „Altbestände“ abzuarbeiten. Damit meint er Fahrschüler, die sich angemeldet haben, aber noch keine Termine für Fahrstunden bekommen konnten. Sollte sich die Situation bis zum Frühjahr nicht verändert haben, gehe es aber an die Rücklagen, sagt er.

Der Rückgang der Neuanmeldungen hat im November begonnen, berichtet Jürgen Kopp, Vorsitzender des bayerischen Fahrlehrerverbands. Direkt nachdem der Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) in Berlin angekündigt hatte, die Fahrausbildung zu reformieren und dafür zu sorgen, dass der Führerschein günstiger wird. Schnieder plant unter anderem, die Präsenzpflicht beim Theorieunterricht zu streichen, das Wissen soll auch über Apps und Lernplattformen vermittelt werden. Außerdem will er häufiger Fahrsimulatoren einsetzen und die Zahl der verpflichtenden Sonderfahrten reduzieren. Diese Pläne kritisieren Fahrlehrer im ganzen Land. Sie fürchten, dass die Qualität des Unterrichts leidet und mehr Menschen durch die Theorieprüfung fallen – was den Führerschein letztlich nicht billiger machen würde.

Auch Jürgen Kopp hat große Zweifel, dass sich die Preise verändern werden. Und es werde Monate dauern, bis ein Gesetz verabschiedet ist. Die Fahrschulen berichten ihm von Einbrüchen bis zu 70 Prozent. Deutschlandweit sind die Zahlen ähnlich. Die Fahrlehrerverbände sprechen von dem sogenannten Schnieder-Effekt. Laut einer Umfrage des Verbands Moving International Road Safety Association unter 2400 Fahrschulen sind die Anmeldungen im Schnitt um 54 Prozent zurückgegangen. Auch Schnieder hat bereits reagiert. Im Januar dämpfte er Erwartungen an eine schnelle Reform. „Es lohnt sich nicht abzuwarten. Wer den Führerschein machen will, der soll es jetzt machen.“ Dieser Appell kam aber offenbar nicht an.

Bundesweit machen pro Jahr mehr als 800 000 junge Menschen die Prüfung für den Autoführerschein, sagt Kopp. In Bayern sind es rund 140 000. Ein Einbruch um mehr als die Hälfte bedeutet, dass viele zehntausend Schüler fehlen. Kopp berichtet, dass etliche Fahrlehrer bereits freigestellt werden mussten. Kurzarbeit wie in den Corona-Jahren wurde nicht genehmigt. „Einige Fahrschulen versuchen jetzt, mit Sonderangeboten zu locken“, sagt er. Doch damit lasse sich die Situation nicht auffangen. Und die Einbrüche seien erst der Anfang, prognostiziert Kopp. Er fürchtet, dass spätestens im kommenden Jahr doppelt so viele Menschen wie sonst den Führerschein machen wollen. Dann passiere dasselbe wie nach den Corona-Jahren: Es gibt zu wenig Termine für Prüfungen und Fahrstunden und der Führerschein dauert für alle noch länger.

Das ist nicht die einzige Lehre aus der Pandemie. Auch damals haben alle über Online-Angebote für den Führerschein gelernt. „Die Folge war, dass die meisten zehn bis zwölf Stunden länger gebraucht haben, um die Prüfung zu bestehen“, sagt Kopp. Er ist überzeugt: „Der Führerschein wird durch die Reform nicht günstiger werden.“ Das glaubt auch der Holzkirchner Fahrlehrer Ludwig Christof. Der persönliche Kontakt zwischen Fahrlehrern und Schülern sei sehr wertvoll, betont er. Ebenso die Gruppenarbeit in den Theoriestunden. Die Führerscheinkosten (aktuell im Schnitt 3000 bis 4000 Euro) könnten sich durch mehr Disziplin reduzieren lassen, glaubt Christof. Es werde auch viel getrödelt, ist sein Eindruck. Und die Theorie könnte kompakter gestaltet werden. Auch das ist ein Punkt von Schnieders Reformplänen. Er will den Fragenkatalog von 1169 Fragen um ein Drittel reduzieren. Der Inhalt der Tests soll sich auf die Verkehrssicherheit beziehen. Zumindest bei dieser Idee hat Schnieder Deutschlands Fahrlehrer hinter sich.

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