Glyphosat durch Waschmittel?

von Redaktion

Tübinger Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Giftstoff in Kläranlagen entsteht

Das Team von Carolin Huhn nimmt Proben aus einem Gewässer. © Tilmann Wörtz/Uni Tübingen

München – Glyphosat. Bei dem Stichwort leuchten die Alarmzeichen rot. Es ist das am häufigsten eingesetzte Totalherbizid, teilt das Bundeslandwirtschaftsministerium mit: Es lässt jede Pflanze absterben. Glyphosat werde vor allem in der Landwirtschaft verwendet, um unerwünschte Kräuter und Gräser zu bekämpfen. Pflanzen und Boden werden stark beeinträchtigt. Insekten, Vögeln und anderen Tieren wird ihre Nahrungsgrundlage entzogen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Glyphosat krebserregend wirkt. Doch während in der Debatte um Verbote und Einschränkungen stets die Landwirtschaft als Verursacher hoher Glyphosatwerte im Boden und in Gewässern gilt, gibt es neuen Erkenntnissen zufolge eine weitere Quelle: nämlich die Verbraucher.

Chemikerin und Umweltanalytikerin Carolin Huhn von der Universität Tübingen hat herausgefunden, dass Glyphosat aus Stoffen in Waschmitteln entsteht – dafür führte sie auch in Bayern Untersuchungen durch. Zunächst hatte sich die Wissenschaftlerin grundsätzlich mit Glyphosat im Abwasser beschäftigt. Als immer mehr Befunde zeigten, dass auch dann die Belastung der Gewässer hoch ist, wenn in der Landwirtschaft kein Glyphosat eingesetzt wird, untersuchte sie Proben unter anderem aus der Kläranlage Erlangen, die eine der modernsten Deutschlands ist. „Wir haben 35 Gramm Klärschlamm genommen“, sagt Huhn, „eine gute Handvoll.“ Der wurde mit der Chemikalie DTPMP (Diethylentriaminpentamethylenphosphonsäure) vermischt, die in den meisten Waschmitteln vorkommt und Kalk verhindern soll. Ergebnis: Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich durch die chemische Reaktion mit anderen Stoffen Glyphosat. Huhn und ihr Forscherteam gehen also davon aus, dass ein Großteil des in Gewässern gemessenen Glyphosats in den Kläranlagen entsteht. Das würde auch erklären, warum die Belastung mit dem Gift das ganze Jahr über ähnlich hoch ist. Käme das Glyphosat nur aus der Landwirtschaft, wären die Werte etwa nach starken Regenfällen höher. Werte aus Luxemburg zeigen: Obwohl Glyphosat dort für zwei Jahre verboten war, blieb die Belastung hoch.

Beim Bayerischen Bauernverband kennt man die Studie natürlich auch. Sie leiste einen Beitrag zur Versachlichung einer Debatte, die lange sehr einseitig und zum Teil auch unberechtigt zulasten der Landwirtschaft geführt wurde, sagt Sprecher Markus Drexler. „,Es ist klar, dass die Landwirtschaft teilweise eine Rolle spielt oder spielen kann, wenn Rückstände nachgewiesen werden.“ Man müsse aber auch andere Quellen berücksichtigen. Glyphosat werde in Deutschland und Bayern in der Regel nur eingesetzt, um vor der Saat oder bei der Wiederansaat von Grünland konkurrierende Unkräuter in den Griff zu bekommen.

Auf das Trinkwasser wirkt sich Glyphosat laut Carolin Huhn nicht aus. Aber wie bekommt man den Stoff aus dem Abwasser? Die Kläranlagen können das nicht leisten, sagt Bernhard Böhm. Er ist Chef der Münchner Stadtentwässerung und auch Landesverbandsvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). „Kläranlagenbetreiber sind keine Zauberer“, so Böhm. Es sei nun mal nicht so, dass alles, was man als Verbraucher in den Kanal schmeiße, am Ende rausgefischt werden könne. Chemische Substanzen wie DTPMP, das übrigens auch von der Industrie oder in der Lebensmittelproduktion verwendet wird, seien bewusst so konstruiert, dass sie nicht schnell abgebaut werden. „Vor diesem Problem steht jeder Kläranlagenbetreiber.“ Ein biologisches Verfahren, das mit einem vertretbaren Aufwand solche Substanzen abbaut, gebe es nicht. Er fordert, gleich bei den Chemikalien anzusetzen – und sie zu verbieten.

Wissenschaftlerin Huhn stellt fest, dass es bislang keine Ansätze gibt, den Einsatz problematischer Stoffe zu regulieren. Nur vereinzelt messen Behörden in anderen Bundesländern neuerdings. Beim bayerischen Landesamt für Umwelt heißt es, man habe die Ergebnisse der Studie nicht vorliegen und könne sie deshalb nicht bewerten. Carolin Huhn rät Verbrauchern, auf der Waschmittelverpackung nachzulesen, ob DTPMP enthalten sind. Das Label EcoCert schließt laut Huhn den Einsatz solcher Phosphonate aus. Verbraucherschützer empfehlen auch Produkte mit dem Blauen Engel. CARINA ZIMNIOK

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