Helfer schmieden Krisen-Plan

von Redaktion

Gemeinsamer Appell: die Landesgeschäftsführer Robert Augustin (BRK) und Christoph Friedrich (Malteser; v.l.). © Pieknik

Hochwasser-Katastrophe im Jahr 2013: Eine Seniorin aus dem Landkreis Deggendorf wird von Rettungskräften aus ihrem Haus gerettet. © BRK

München – Bayerns Hilfsorganisationen arbeiten seit vielen Jahren eng zusammen. Besonders in Krisensituationen. Vor Kurzem haben sie sich aber ganz ohne aktuelle Krise getroffen. Das war bevor in Berlin tagelang der Strom ausfiel – allerdings ging es in dem Workshop um genau solche Szenarien. Und vor allem um die Frage, wie der Zivilschutz in Bayern weiterentwickelt und die Bevölkerung noch besser geschützt werden kann. Kein einfaches Thema, betont der BRK-Landesgeschäftsführer Robert Augustin. Niemand wolle Ängste schüren. „Aber wir müssen die Menschen befähigen, in Krisen ruhig und handlungsfähig zu bleiben.“ Viele Menschen hätten grundlegende Fähigkeiten zur Selbsthilfe in den vergangenen Jahrzehnten verloren. Die Hilfsorganisationen wollen die Gesellschaft widerstandsfähiger machen. Denn wie sie gestern gemeinsam betonten: In einer größeren Krisenlage kann die professionelle Hilfe nicht alle Bedarfe sofort und vollumfänglich abdecken.

„Je stärker die Zivilgesellschaft aufgestellt ist, desto mehr Luft bleibt für die Einsatzkräfte, dort zu helfen, wo sie dringend gebraucht werden“, betonte Thomas Haas, Geschäftsführer des Bayerischen Zentrums für besondere Einsatzlagen, das 2016 nach dem OEZ-Anschlag in München gegründet wurde. Kräfte von Polizei und Rettungsdiensten trainieren dort gezielt für komplexe, nicht-alltägliche Einsätze. Unternehmen müssten gezielt vorsorgen, fordern Haas und sein Co-Geschäftsführer Daniel Pröbstl. Die Politik müsse Präventionsmaßnahmen finanzieren. Krieg in Europa, Pandemien, Cyberangriffe – solche Szenarien waren lange kein Thema. „Nun müssen wir aber verantwortungsbewusst darüber reden“, betonte Christoph Friedrich, Landesgeschäftsführer des Malteser Hilfsdienstes in Bayern. Auch in Schulen. Ziel sei es, ein Verständnis dafür aufzubauen, dass in Krisensituationen jeder auch bis zu einem bestimmten Maß für sich selbst sorgen kann.

Ganz konkret bedeute das, Wasser- und Lebensmittelvorräte zu Hause zu haben, erklärte Haas. Jeder sollte gedanklich einmal das Szenario durchspielen, schnell das Haus verlassen zu müssen, um in einer solchen Situation zum Beispiel an wichtige Medikamente zu denken. „Das ist ein niedrigschwelliger Ansatz, der kein Geld kostet.“ Auch mehr Wissen über Selbstschutz und Erste Hilfe sowie eine funktionierende Nachbarschaftshilfe können in Krisenlagen den Zivilschutz stärken, betont Friedrich. Die Hilfsorganisationen wollen dafür konkrete Angebote wie Kurse oder Vorratslisten liefern.

„Unser Bevölkerungsschutz funktioniert, weil hunderttausende Ehrenamtliche Verantwortung übernehmen“, sagt Augustin. Das dürfe aber nicht als selbstverständlich betrachtet werden. „Viele von ihnen werden im Krisen in ihren Berufen gebraucht, zum Beispiel weil sie Polizisten oder Reservisten sind.“ Oder in ihren Familien. Das BRK kann momentan nicht abschätzen, wie viele Helfer den 30 000 Hauptamtlichen zur Seite stehen würden und hat deshalb eine Helferabfrage gestartet. Fest stehe aber: „Damit das Ehrenamt leistungsfähig bleibt, brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und Arbeitgeber, die Freistellungen für Einsätze, aber auch für die Ausbildung mittragen.“ Deshalb wollen die Hilfsorganisationen nicht nur mit Politikern das Gespräch suchen, sondern auch mit den Arbeitgebern. „Wir brauchen ihre Unterstützung.“

Zivilschutz und Krisenvorsorge seien langfristige Aufgaben für die gesamte Gesellschaft, betonen die Hilfsorganisationen. Jeder einzelne könne einen Beitrag leisten und Verantwortung übernehmen. Dafür wollen sie gemeinsam ein Bewusstsein schaffen. Mit klarem Kopf, ohne Panik, betont Augustin. Dass darin auch Chancen stecken, habe die Corona-Pandemie gezeigt. „Sie hat bewiesen, wie stark unsere Gesellschaft sein kann.“

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