Seemänner erobern Senioren-Herzen

von Redaktion

Als „Knallrotes Gummiboot“ gesungen wird, paddelt dazu einer der Erdinger Seemänner durchs Publikum. © Marcus Schlaf (3)

Erding – Gertraud Grasser ist in ihrem Element. Die Hände schwingen im Takt, der Fuß wippt mit und textsicher ist sie sowieso. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, singt sie mit kräftiger Stimme. Die 88-Jährige war in ihrem Leben noch nie nachts um halb eins auf der Hamburger Reeperbahn. Dafür kennt sie viele alte Lieder – nicht nur diesen Schlager von Hans Albers. Und heute ist ein echter Glückstag für sie. Denn der Erdinger Seemannschor ist im Heiliggeist-Stift zu Gast, um für die Bewohner ein Konzert zu geben. Und die Herren unter den Matrosen-Mützen haben ein ähnlich großes Repertoire wie Gertraud Grasser.

„Mitsingen ist nicht nur geduldet, sondern erwünscht“, verkünden Chorleiter Hans Richter und seine Seemänner. Sie stehen vor rund hundert Senioren des Heiliggeist-Stifts in Erding. Nicht zum ersten Mal, hier sind sie regelmäßig zu Gast. „Wir haben euch schon vermisst“, sagt Heimleiterin Angelina Di Virgilio zur Begrüßung. Für Gertraud Grasser ist es aber der erste Seemann-Auftritt im tiefsten Oberbayern. Wie für so viele andere Bewohner reist sie an diesem Nachmittag nicht nur gedanklich in den Norden – sondern auch zurück in ihre Jugend. Dank Evergreens wie Gitte Haennings „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“ oder den Capri-Fischern von Rudi Schuricke.

Es dauert nicht lange, bis der Zauber der Seemänner auch die letzten Reihen erreicht hat. Eine ältere Dame ist sogar aufgestanden, wiegt zu „Bella Bella Marie“ mit den hochgestreckten Händen im Takt. Und längst singt nicht mehr nur Gertraud Grasser laut mit. Als die ersten Takte von Wencke Myhres knallrotem Gummiboot ertönen, ist es für ein paar Minuten wieder 1970 – und viele der Senioren erleben gedanklich noch einmal die unbeschwerte Zeit, die sie mit diesem Lied verbinden. Als dann einer der Seemänner sogar mit einem umgeschnallten kleinen Gummiboot durch den Saal rudert und der ein oder anderen Dame charmant zuzwinkert, gibt es sogar laute Bravo-Rufe.

Heimleiterin Angelina Di Virgilio steht am Rand, hinter einer Seniorin im Rollstuhl. Sie hat ihr die Hände auf die Schultern gelegt, beugt sich ein bisschen näher zu ihr runter, während sie mitsingt. Die Dame lässt den Blick nicht von den Seemännern. Aber sie lächelt, legt dankbar ihre Hand auf die von Angelina Di Virgilio.

Manchmal beobachten die Seemänner Szenen wie diese, während sie singen. In den Seniorenheimen treten sie nie für eine Gage auf – sondern für genau solche Momente. „Wenn die alten Leute lächelnd vor uns sitzen, ist das unser schönster Applaus“, sagt Helmut Bungart. In ihrer Heimat Erding spielen die Seemänner einmal pro Jahr ehrenamtlich in jedem Seniorenheim. Aber sie geben auch ab und zu Konzerte oder werden gebucht und verdienen damit ein wenig Geld. Und das machen sie schon seit 1998. Damals sang ein Seemannschor in der Stadthalle, weil dort ein Theaterstück zum Untergang der Titanic aufgeführt wurde. „Das können wir doch auch“, dachte Peter Heger – und hatte, schneller als er zu hoffen gewagt hatte, in Erding einige musikalische Seemänner für seine Idee zusammengetrommelt. Der Altersdurchschnitt der Seemänner liegt bei Mitte 70. Trotzdem gewinnen sie hin und wieder ein neues Mitglied dazu. Das jüngste ist Anfang 40, ein Seemann-Teenie sozusagen: Andi Knauer spielt seit ein paar Jahren das Schifferklavier.

Als er das Akkordeon an diesem Nachmittag nach einer guten Stunde ablegt, setzt er sich noch für einen Moment zu zwei älteren Damen. „Richtig schön war das“, sagt eine der beiden und drückt ihm dankbar die Hand. Er lächelt sie an. „Na, dafür machen wir‘s doch.“

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