Bayerns größter Abenteurer

von Redaktion

197 Länder, drei Flugzeugabstürze & zwei Weltrekorde: Schorsch Kirner wird 90

Schorsch Kirner in seinem Schatzlager. Hier hält er einen Fischer-Speer. © Stefan Rossmann

Baldham – 195 Staaten auf dieser Welt listen die Vereinten Nationen aktuell. In 197 aber hat Schorsch Kirner aus Baldham (Kreis Ebersberg) schon einen Fuß gesetzt. Immerhin ist der Abenteurer 60 Jahre lang um den Globus getingelt. Auch durch Länder, die es heute nicht mehr gibt oder die inzwischen anders heißen.

Kirner hat bei den Tellerlippenfrauen in Äthiopien und den Giraffenfrauen im einstigen Burma gewohnt. Und bei den Baummenschen, den Korowai, einem Kannibalen-Volk, das in 30 Metern Höhe in Baumhäusern in Neuguinea lebt. Menschen vieler weiterer Naturvölker standen vor ihm, wie Gott sie schuf. Der Bayer trug oft Lederhose. Wie auf der Alm, auf der er aufgewachsen ist.

Er habe auch eine Inka-Stadt entdeckt, erzählt Kirner, drei Flugzeugabstürze überlebt und drei Monate am Hof des Dalai Lama verbracht. 14 Mal war er in Tibet. Seine Heiligkeit riet ihm: „Genieße dieses Leben, es könnte schon dein letztes sein!“ Bis heute hält Kirner zwei Weltrekorde: Als ältester Mensch war er zu Fuß am Nord- und Südpol. Mit 63 ganz oben auf der Erdkugel, mit 67 ganz unten. Heute wird der Weltenbummler 90 Jahre alt – und realisiert, welch ein Geschenk sein Leben war: „Wer seine Träume verwirklichen kann, ist ein reicher Mensch.“

Kirners Haar ist so wuschelig wie früher, das beweisen Fotos im Hausflur des ewigen Globetrotters. Dieses Heim ist ein Museum. Jedes Artefakt hat eine Geschichte: Blasrohre aus Borneo, Jagd-Speere aus dem Kongo, Inka-Skalpelle, Schriftrollen aus dem Jemen, die Stiefel der legendären Antarktis-Expedition und noch viel mehr auf drei Etagen. Über das Wohnzimmer wachen zwei kunstvoll verzierte Totenschädel aus Neuguinea. Kirner holt einen aus der Vitrine: „Dieser gehörte einem Medizinmann. Die Menschen aus diesem Stamm nutzten ihn als Kopfkissen, wenn sie Rat und Weisheit suchten.“

Einzigartige Beobachtungen schrieb Kirner nieder, wenn er wochenlang als Gast unter den Ureinwohnern lebte: „Man verständigt sich per Hand, Fuß und Zeichensprache. Ich beobachte, frage nach und dokumentiere, verurteile aber nie.“ Kirner suchte jedes Mal wieder Einheimische, die ihn in die entlegensten Ecken führten. Mit noch mehr Glück fand er Dolmetscher. „Ich kann mich bloß auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Arabisch unterhalten“, sagt er. „Nicht schlecht für jemanden, der nur im Winter zur Schule gehen durfte.“

Jetzt sitzt Kirner in seiner Stube und blättert durch alte Fotoalben. 1936 als unehelicher „Bankert“ einer Magd und eines Knechts in Geitau geboren, musste er als Bub jeden Sommer auf der Alm seiner Großmutter im Valepp-Tal Kühe hüten: „Ich war schon damals neugierig. Ich saß auf dem Sonnwendjoch und wollte wissen, was hinter den Bergen liegt.“ Holzknechte berichteten von „noch mehr Bergen“, andere von „einer Stadt, die auf Stelzen im Meer steht“.

Mit 24 steigt Kirner mit 250 Mark in der Tasche aufs Radl seines Vaters und strampelt gen Süden bis Venedig. Per Frachter geht‘s nach Nordafrika bis zu den Pyramiden. Dass ihn die Leute daheim einen „arbeitsscheuen Dorfdeppen“ nennen, ist ihm wurscht. Die Welt wird sein Zuhause. Ganz ohne All-inclusive-Angebote, Internet, GPS oder anderes Hightech-Gerät. Kirner ist einer der Letzten seiner Art. Reisende wie er einer war, gibt es heute kaum mehr.

So einen Freigeist muss eine Frau erst mal aushalten. Renate Kirner schafft das seit 60 Jahren. Als Reiseleiter in Kamerun und Gruppenführer am Kilimandscharo sparte Kirner, um seine Renate 1965 zu heiraten. Im VW-Bus fuhr das Brautpaar Richtung Indien. Beide arbeiteten für ein Unternehmen in der Luft- und Raumfahrtbranche und nahmen viel (unbezahlten) Urlaub, um zu reisen. Renate Kirner stand als erste Frau auf einem 6000er in Nepal. Nach ihrem Sturz in eine Gletscherspalte trat sie kürzer und ließ den Schorsch, inzwischen Zoll- und Wirtschaftsfachmann, wieder alleine reisen.

„Meine Frau hat mich bei allem unterstützt. Wir haben bewusst auf Kinder verzichtet und für meinen Lebenstraum, die Südpol-Expedition, einen Kredit von 35 000 Euro aufgenommen“, erzählt Schorsch Kirner. „Die Frau eines Abenteurers zu sein, war nicht immer leicht“, gibt Renate Kirner zu. „In Zeiten ohne Handy gab es oft wochenlang kein Lebenszeichen.“ Doch ihr Schorsch kam immer heim. Lebensgierig war er, aber nicht lebensmüde.

„Als Training für den Südpol war‘s mir auf dem Großglockner bei minus 28 Grad zu warm“, erinnert er sich. „Also habe ich mehrere Nächte in einem Froster in der Großmarkthalle bei minus 60 Grad übernachtet.“ So einen Härtetest habe er schon als Baby überlebt: „Nur in eine Decke gewickelt, bin ich vom Fuhrwerk gefallen, nachdem der Pfarrer mich nicht taufen hatte wollen. Meine zutiefst beschämten Eltern hatten das nicht bemerkt und fanden mich später blau gefroren im Schnee.“ Vor 90 Jahren war das, grad noch rechtzeitig. Sonst könnte Kirner heute nicht so viel von der großen weiten Welt erzählen. CORNELIA SCHRAMM

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