Asylzahlen: Landkreise atmen vorsichtig auf

von Redaktion

Viele Turnhallen wurden über Monate oder sogar Jahre für die Unterbringung von Geflüchteten genutzt. © Imago

München – Als Landrat erlebt man viele Momente, die in Erinnerung bleiben. Für Olaf von Löwis waren es vor allem die Tage, an denen aus Zahlen Menschen wurden. Im Winter vor drei Jahren kam fast jede Woche ein Reisebus mit Geflüchteten in seinem Landkreis Miesbach an – genau wie in allen anderen Regionen Bayerns. Wenn es möglich war, kam der CSU-Politiker selbst zur Ankunft der Busse. Zum Beispiel am 19. Januar 2023. Damals war er emotional nicht vorbereitet auf die Szenen, die er vor der Tegernseer Turnhalle beobachten würde. Dutzende kleine Kinder stiegen aus dem Bus. Von Löwis beobachtete, wie sich ein Mädchen völlig erschöpft an den Arm seiner Mutter klammerte. Ein kleiner Junge griff fasziniert in den Schnee, während seine Eltern zwei Plastiktüten aus dem Bus hievten – alles, was die Familie noch besaß. Von Löwis hat selbst Enkelkinder. „Mein Gott“, sagte er damals leise, während er die Kinder beobachtete.

Szenen wie diese gab es überall, Jahre lang. Landräte und Bürgermeister schickten viele Hilferufe nach Berlin und mieteten alles an, was als Flüchtlingsunterkunft dienen konnte. Viele Turnhallen waren über Jahre belegt und mussten danach aufwändig saniert werden. Auch die Tegernseer Turnhalle ist erst seit Ende 2025 wieder nutzbar. Inzwischen ist die Zahl der Asylanträge stark gesunken. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellten im Januar 7649 Menschen erstmals einen Asylantrag. Im Januar 2025 waren es noch 14 920 – ein Rückgang von 48,7 Prozent. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht das als Bestätigung des harten Kurses in der Migrationspolitik. Allerdings ging die Zahl der Asylanträge auch schon zur Zeit der Ampel-Regierung zurück – von Januar 2024 bis Januar 2025 um 43,4 Prozent. Das hat nicht nur mit dem härteren Migrationskurs zu tun, sondern auch mit dem Sturz Baschar-al-Assads in Syrien.

In vielen Regionen ist das Asylthema in den Hintergrund gerückt. Trotz des aktuellen Wahlkampfs, sagt von Löwis (CSU), der nicht mehr als Landrat antritt. Seit Oktober seien Miesbach gar keine Geflüchteten mehr zugewiesen worden. Trotzdem leben immer noch über 2000 Flüchtlinge in seinem Landkreis, 1260 davon aus der Ukraine. Die Stimmung sei entspannt, sagt er. Weil die Turnhallen wieder frei sind. Und weil es keine wesentlichen Zwischenfälle gegeben habe. Von Löwis hat auch andere Zeiten erlebt. Bei einer Bürgerversammlung zu der geplanten Container-Unterkunft in Warngau für 500 Geflüchtete, musste er wegen der aufgeheizten Stimmung von der Polizei aus dem Saal eskortiert werden. Umso wichtiger ist es ihm, sein Versprechen halten zu können, dass die Warngauer Unterkunft bis Ende des Jahres aufgelöst wird. Bis dahin müssen die Asylbewerber umverteilt werden. Das wird noch mal eine Herausforderung. „Ich bin froh über das, was uns gelungen ist“, sagt von Löwis rückblickend. Viele Geflüchtete haben inzwischen Arbeit gefunden oder sind Mitglied in Sportvereinen. Es gibt im Kreis Miesbach noch Helferkreise. Und jetzt seien die Zahlen in einem Rahmen, in dem Integration gelingen könne.

Ähnliches berichtet Stefan Frey über seinen Landkreis Starnberg. „Seit Wochen sind keine neuen Flüchtlinge mehr bei uns angekommen“, sagt der CSU-Landrat. Dobrindts Entscheidung, die Grenzen zu schließen, sei ein spürbarer Einschnitt gewesen. Allerdings betont Frey auch: „Es sind immer noch sehr viele Menschen hier. Und sie müssen Schritt für Schritt integriert werden.“ Dank vieler Ehrenamtlicher gelinge das gut. „Aber es gibt einige Fälle, die noch am Anfang stehen. Gerade die Sprache ist für viele einfach eine große Herausforderung.“ Frey ist gerade im Wahlkampf, er kandidiert erneut als Landrat. Das Thema Asyl tauche kaum noch auf, sagt auch er. „Ich spreche es trotzdem an.“ Transparenz sei wichtig, das hat er aus den vergangenen Jahren gelernt. „Aber es kommen keine Nachfragen mehr.“ In vielen Unterkünften sind inzwischen Plätze frei, berichtet er. Aber nicht so viele, dass er Mietverträge kündigen würde. „Wir bleiben in Hab-acht-Stellung“, betont er. Die Lage könne sich schnell wieder ändern, auch das hat er gelernt.

In der Gemeinde Rott am Inn (Kreis Rosenheim) werden die stark gesunkenen Asylzahlen noch aus einem anderen Grund sehr genau beobachtet. Denn die 4200-Einwohner-Gemeinde kämpft seit 2023 gegen eine große Sammelunterkunft. Rott hat bereits gegen die Baugenehmigung geklagt und in zweiter Instanz Recht bekommen. Die Geflüchteten mussten vorerst wieder ausziehen. Aktuell arbeite das Landratsamt an einer neuen Genehmigung, sagt der parteilose Bürgermeister Daniel Wendrock. „Deshalb ist das Thema Asyl bei uns weiterhin sehr präsent.“ Er hofft, wie auch viele Bürger, dass die Unterkunft angesichts der niedrigen Asylzahlen nun nicht mehr gebraucht wird. Ziel sei immer gewesen, damit die Turnhallen im Landkreis wieder freizubekommen. Das sind sie aber inzwischen. Egal, wie viele Menschen in Rott ankommen, er bleibt bei seiner Argumentation: „So große Unterkünfte sind der falsche Weg.“

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