Das Werkzeug des Revoluzzers

von Redaktion

„Jahrhundertobjekt“: Kurt Eisners Schreibmaschine kommt ins Haus der Bayerischen Geschichte

Die Übergabe: Timo Nüßlein (v.l.), Direktor Richard Loibl mit Eisners Urenkeln Susanne Rother und Christian Strahl.

Die Schreibmaschine von Kurt Eisner ist ab 8. Juli im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg zu sehen. © Privat (2)

Der Revolutionär Kurt Eisner (1867–1919) wurde 1918 zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten. © Scherl

Regensburg – Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg bekommt ein Exponat der Spitzenklasse geschenkt. Das steht seit Dezember fest. Und nun ist auch das Geheimnis gelüftet, worum es sich dabei handelt. Das Museum bekommt die Schreibmaschine des Revolutionsführers und ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867–1919) übereignet. Gestern haben Museumsdirektor Richard Loibl und Sammlungsbeauftragter Timo Nüßlein dieses „Jahrhundertobjekt bayerischer Demokratiegeschichte“ von Eisners Urenkeln Susanne Rother und Christian Strahl entgegengenommen.

Als Journalist, Schriftsteller und Politiker hat Eisner auf der Schreibmaschine der Marke Mercedes ab 1914 politische Artikel, literarische Texte sowie Korrespondenzen verfasst. Während des Ersten Weltkrieges war sie sein wichtigstes Arbeitsgerät und Kommunikationsmittel. Auf ihr tippte er wohl seine Nachrichten an all diejenigen, die am 7. und 8. November 1918 mit ihm zur Revolution aufgerufen haben.

Eisner war kein geborener Revoluzzer. Als Gymnasiast aus einer bürgerlich-jüdischen Kaufmannsfamilie soll er organisierte Arbeiter zunächst als „Horde wilder Verbrecher“ gesehen haben. Erst als es seiner Familie finanziell schlechter ging, dachte er in sozialen Fragen um. Für Konservative war er lange (oder ist es noch) ein Caféhaus-Literat – ein weltfremder „Ostjude“, so CSU-Fraktionschef August Lang 1981, und „politischer Wirrkopf“. Eisner wurde zeitlebens angefeindet, verachtet und verfolgt. In der Kaiserzeit war der gebürtige Berliner als Zeitungsredakteur für diverse sozialdemokratische Blätter tätig, ehe er 1907 als verantwortlicher Redakteur die „Fränkische Tagespost“ in Nürnberg übernahm. Ein Jahr später erhielt er die bayerische Staatsbürgerschaft und ging 1910 nach München.

Mit der SPD brach Eisner, weil sie Kredite zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs befürwortete. Wegen des Januarstreiks saß er 1918 in Haft, kam aber kurz vor Zusammenbruch des Kaiserreichs frei. Nach einer Friedenskundgebung am 7. November 1918 auf der Theresienwiese schlug seine Stunde. Mit vielleicht tausend Anhängern aus der Münchner Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD) zog er zu den Kasernen und initiierte die Revolution. Mit den berühmten Worten „Bayern ist fortan ein Freistaat“ begründete er am 8. November 1918 die bayerische Republik. Obwohl nicht in allgemeiner Wahl gewählt, beanspruchte er mit einigem Recht das Ministerpräsidentenamt, das in der aus dem Königreich stammenden Verfassung nicht zu finden war, sich damals aber schon eingebürgert hatte. Sein Erbe wirkt bis heute im Frauenwahlrecht und Acht-Stunden-Tag fort.

Am 21. Februar 1919 wurde Kurt Eisner auf dem Weg zum Landtag in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße von dem antisemitisch gesinnten Leutnant Graf Arco erschossen. Sein schweres Schreibwerkzeug blieb im Familienbesitz, Eisners Witwe Else benutzte es weiter. Im Mai 1919 floh Else Eisner nach Niederschlagung der Räterepublik nach Frankreich. 1940 beging sie Selbstmord. Über Umwege kam die Schreibmaschine 1959 zurück zu den Töchtern nach Deutschland. Regensburg wird jetzt auf Wunsch von Eisners Urenkeln ihre neue Heimat. Ab 8. Juli wird die Schreibmaschine erstmals in der Bayernausstellung „Brennpunkt Bayern: Hitler und der Kampf um die Demokratie“ öffentlich zu sehen sein.

107 Jahre später bewegt Eisners Tod noch immer. Der Verein für demokratische Kultur im Freistaat legt am heutigen Samstag in München zur Erinnerung an seine Ermordung einen Gedenkkranz nieder und fordert, den Marienhof in Kurt-Eisner-Platz umzubenennen: „Angesichts der aktuellen Bedrohungen durch Rechtsextremisten halten wir es für dringend geboten, die Erinnerung an Kurt Eisner wachzuhalten“, teilt der Verein mit. D. WALTER, C. SCHRAMM

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