Endlich in Danzig: Der Münchner Ryan B. hofft nun auf eine Entschädigung.
Foto mit Zeitstempel: Ryan B. musste eine Nacht im Flugzeug verbringen.
Starker, nasser Schneefall führte zu überdurchschnittlich langen Enteisungszeiten am Flughafen. © Peter Kneffel/dpa
München – Müde, mit nur 20 Minuten Schlaf, kam Ryan B. am Freitagnachmittag doch noch in Danzig, Polen, an. Der 32-Jährige wollte am Donnerstagabend von München aus fliegen – doch er saß in einer der sechs Maschinen, die über Nacht auf dem Rollfeld gestrandet waren. 600 Passagiere von fünf Flügen der Lufthansa-Gruppe und eines Fluges von Air Arabia waren betroffen. Erst dauerte in der schneereichen Nacht das Enteisen länger als sonst, dann waren keine Busfahrer mehr im Dienst, die die Passagiere zum Terminal hätten fahren können. Die Lufthansa bittet „ausdrücklich um Entschuldigung für diese unzumutbare Situation“. Auch der Flughafen München GmbH ist „bewusst, dass die Lage eine schwierige und kaum nachvollziehbare Situation für die Passagiere war“. Hätte es eine Lösung gegeben?
Ryan B. berichtet, dass sein Lufthansa-Flug nach Danzig für 21 Uhr geplant war. Es kam zu einer Verspätung, gegen 23 Uhr ging er an Bord. „Nach etwa 50 Minuten kam die Nachricht, dass unsere Maschine enteist wird.“ Tatsächlich bewegt sich das Flugzeug um kurz nach Mitternacht ein wenig.
Nach Informationen unserer Zeitung sieht es zu dem Zeitpunkt so aus, als ob die wartenden Flugzeuge starten können. Das hat Marc Zangl, stellvertretender Vorsitzender des Gemeinschaftsbetriebsrats der FMG und AeroGround, recherchiert. „Aber dann wurde das Wetter wieder schlechter.“ Ryan B. hört zu der Zeit die nächste Ansage: Der Flug wird storniert, die Maschine muss zurück zum Terminal. Doch dann greift der Pilot zum Mikrofon und teilt mit, dass die Passagiere bis vier Uhr im Flieger sitzen werden. Bis die Busfahrer ihren Dienst wieder aufnehmen. Ryan B. und die anderen Passagiere wickeln sich in ihre Jacken ein, Decken oder Kissen gibt es keine. Jeder kriegt eine Flasche Wasser und eine Tafel Schokolade. Ab 3 Uhr schlafen die meisten bei voller Beleuchtung, auch Ryan B. macht kurz die Augen zu. „Um 5 Uhr wurden wir zum Terminal gefahren.“ Der Münchner versucht vergeblich, in einem der Flughafen-Hotels unterzukommen. Mittags ergattert er einen Flug nach Danzig.
Feyza Türkön, Expertin für Fluggastrechte bei Flightright, übt scharfe Kritik. Dass hunderte Passagiere über Nacht im Flugzeug ausharren müssten, spreche nicht für eine funktionierende Krisenorganisation. Winterliche Temperaturen und Schneefälle seien in dieser Jahreszeit absehbar und müssten in der Planung berücksichtigt werden. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit bezeichnet die Vorgänge als „nicht akzeptabel“. Die Ereignisse würden zeigen, „wie unzureichend auf eine vorhersehbare Wettersituation reagiert wurde“. Besonders kritisch hebt eine Sprecherin hervor, dass Piloten und Kabinenpersonal „mit dieser Situation weitgehend alleingelassen wurden“. Sie hätten unter schwierigen Bedingungen Verantwortung für hunderte Menschen übernehmen müssen.
Laut Betriebsrat Zangl werden die Nachtschichten durchaus mit Puffer geplant. Ein, zwei Notfälle könne man damit abfertigen. Aber nicht die Zahl an Maschinen, die in der Chaos-Nacht angefallen wären. Ausreichend Ersatz an 365 Tagen im Jahr würde eine enorme Kostensteigerung bedeuten. Einfach weiterarbeiten können die Fahrer aber auch nicht – damit würden Arbeitszeitvorschriften verletzt. „Ein Dilemma“, sagt Zangl. Er schlägt vor, eine Rufbereitschaft für Busfahrer einzurichten – die gebe es bislang nur in Bereichen wie IT und Technik.
Der Aufsichtsratsvorsitzende des Airports, Finanzminister Albert Füracker (CSU), mahnte eine umfassende Aufklärung an. „Ich erwarte vom Flughafen in Abstimmung mit den Partnern einen zügigen und detaillierten Bericht, welche Verkettung von Umständen und Entscheidungen, auch mit Blick auf die Kommunikationswege, zu dieser Situation geführt hat“, sagte er dem Sender Antenne Bayern. „Gleichzeitig erwarte ich unverzüglich eine Strategie mit konkreten Maßnahmen, die klar verhindert, dass sich so etwas wiederholt.“ Die Situation für die Menschen an Bord der Maschinen sei schlicht inakzeptabel gewesen. „So etwas darf nicht passieren.“
Während inzwischen sogar Polizei und Staatsanwaltschaft die Vorfälle auf strafrechtliche Konsequenzen prüfen, hat die Lufthansa gestern angekündigt, dass die Gäste Entschädigungszahlungen erhalten. Laut Flightright könnten bis zu 600 Euro pro Person fällig werden. Auch Ryan B. hat einen Antrag gestellt. Aber erst einmal ist er froh, dass er nach dem Wochenende problemlos wieder zurück nach München fliegen konnte. C. ZIMNIOK, L. SAUTER-ORENGO