NATALIAS NEUANFANG

Schon vier Jahre Krieg in der Heimat

von Redaktion

Natalia Mochalskyy auf einer Demo. © privat

Heute ist der Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine genau vier Jahre her. Die ersten zwei Wochen verbrachte ich noch in meiner Heimat. Diese Zeit werde ich nie vergessen: Kaum jemand wagte sich auf die Straße. Explosionen zerrissen die Stille. Wenn die Sonne unterging, schalteten wir bis zum Morgen kein Licht mehr ein. In dem Chaos wurde mir klar: Mein Leben gehörte hier nicht mehr mir, es könnte jederzeit enden.

Meine Eltern leben bis heute in der Ukraine. Ein Holzofen, ein Generator und die Hoffnung auf Frieden halten sie über Wasser. Mein Cousin kämpft seit zwei Jahren an der Front. Der Krieg hat Verletzungen und chronische Krankheiten hinterlassen. Zuletzt ging es ihm so schlecht, dass er sich untersuchen ließ: Gehirnerschütterung, Arthrose, chronische Gastritis. Jetzt gilt er als untauglich für den Front-Dienst und Spezialeinheiten. Er darf eine Einheit weiter weg vom schlimmsten Geschehen wählen. Die Armee verlassen, will er nicht. Er will die Ukraine weiter verteidigen. Ich hoffe, dass sein Leben jetzt ein wenig leichter wird.

Am 7. März ist es vier Jahre her, dass Studenten aus Rosenheim mich von der ukrainisch-slowakischen Grenze nach Deutschland brachten. Ich habe hier mehr Hilfe erfahren, als ich je zu träumen gewagt hätte. Deutschland wurde mein Zuhause. Aber keinen einzigen Tag vergesse ich die Ukraine. Während der Sicherheitskonferenz organisierten Ukrainer eine Demonstration im Zentrum Münchens. Solche Veranstaltungen sind von Trauer geprägt. Aber es gibt auch herzerwärmende Momente. So wie die Rede von Jonah Werner aus Rosenheim, der mich 2022 hergebracht hat und noch immer Hilfsgüter in meine Heimat bringt. Er stand mit Vladyslav Heraskevych auf der Bühne. Der ukrainische Skeletonfahrer wurde bei den Olympischen Winterspielen disqualifiziert, weil er sich weigerte, einen Helm abzulegen, der an im Krieg getötete ukrainische Sportler erinnerte. Nach seiner Rede konnte ich Jonah wieder dafür danken, dass er mir damals eine Tür in ein neues Leben geöffnet hat.

In den vier Jahren hier habe ich etwas gelernt: Viele Deutsche leben in einem so stabilen System, dass sie sich kaum vorstellen können, wie schnell alles zerbrechen kann. Manchmal höre ich Klagen über Bürokratie oder Mülltrennung. Derweil ist Dankbarkeit das Wichtigste inmitten des Wohlstandes. Wenn in meiner Wohnung in all den Jahren nicht einmal der Strom ausgefallen ist, ist das nicht selbstverständlich für mich. Wenn ich morgens Kaffee trinke, weiß ich, dass ein Tag auch mit Sirenen beginnen könnte. Ich bin zutiefst dankbar für die Solidarität der Menschen hier. Aber ich wünsche mir, dass sie ihr Glück noch bewusster schätzen – und nie vergessen, wie zerbrechlich Frieden ist.

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