DAS PORTRÄT

Die Botin, die Hoffnung bringt

von Redaktion

Anne-Kristin Sturm aus Hagen. © Constanze Wilz

Anne-Kristin Sturm war gut vorbereitet. Beim Briefing hatte man ihr genau erklärt, was im Ernstfall zu tun sei: „Du lässt alles stehen und liegen und gehst dann da runter.“ Gemeint war der Luftschutzbunker. Doch der Alarm blieb aus. Dabei hielt sich die 57-Jährige im Dezember in Jerusalem auf, kurz nach einer Waffenruhe. „Es waren noch keine Touristen da. Das war faszinierend und unerwartet friedlich“, erinnert sich die Hagenerin. Solche Momente prägen sie. Sie erweitern den Blick auf die Welt und schärfen zugleich die Wertschätzung für das eigene Zuhause. Denn Sturm ist viel unterwegs. Teheran, Sydney, Toronto, Nordmazedonien: Die Liste der Orte, die sie im Laufe ihrer Arbeit bereist hat, ist lang. Nach geglückten Übergaben bleibt sie manchmal auf eigene Kosten noch ein paar Tage, streift mit der Kamera durch fremde Städte und Landschaften.

Etwa einmal im Monat ist sie im Einsatz. „Es ist keine Reise“, betont Sturm. Denn im Mittelpunkt steht nicht das Unterwegssein, sondern Verantwortung. In einer unscheinbaren braunen Box transportiert sie ein hochsensibles Gut: Stammzellen, die Leukämie-Patienten eine Chance auf Heilung geben können. Für den Transport bleiben maximal 72 Stunden. Oft muss der Inhalt gekühlt werden, bei Sicherheitskontrollen darf er auf keinen Fall geröntgt werden. „Das wäre das Schlimmste überhaupt. Ich würde in Tränen ausbrechen, weil ich wüsste, dass der Empfänger dann sterben wird“, sagt Sturm. Zuletzt diskutierte sie an einem türkischen Flughafen drei Stunden lang mit dem Personal. Am Ende setzte sie sich durch, eskortiert von der Polizei. Selbstbewusstsein und Routine gehören zu diesem Beruf. Rund 50 Transporte hat sie bislang übernommen und jeden erfolgreich abgeschlossen.

Eine gewisse Grundanspannung bleibt. Außer im Flugzeug ist Sturm jederzeit erreichbar. Mit einfachen Zahlencodes informiert sie das Auftragsunternehmen über jede absolvierte Etappe. Die Box verlässt dabei nie ihren Blick. Denn sie weiß: Sie trägt die Hoffnung eines Menschen auf ein neues Leben bei sich. Die Stammzellen holt sie dort ab, wo sie dem Spender entnommen wurden, und bringt sie auf direktem Weg zu den behandelnden Ärzten. Spender und Empfänger lernt sie nie kennen. Im Krankenhaus werden die Zellen erneut geprüft. Aus ihnen sollen gesunde Blutzellen entstehen. Dafür wird das Immunsystem der Patienten zuvor nahezu vollständig ausgeschaltet, durch aggressive Chemotherapie und Bestrahlung. Die Risiken bleiben hoch. Trotz medizinischer Fortschritte überlebt langfristig nur etwa jeder zweite Transplantierte. Zu ihnen gehört auch Anne-Kristin Sturm selbst. Seit 31 Jahren lebt sie mit einer gespendeten Niere – ein medizinisches Ausnahmebeispiel. „So etwas gibt es nur ganz selten“, sagt sie. Täglich nimmt sie Medikamente, damit ihr Körper das Organ nicht abstößt. Ihr Motto: „Schau hin, wo das Gute ist.“ Vielleicht ist es die eigene Geschichte, die sie antreibt.COMSTANZE WILZ

Artikel 1 von 11