Wer trägt das Risiko am Berg?

von Redaktion

Alpinführer-Präsident Schott über Gruppendynamik bei Gipfelstürmern

Michael Schott ist oberster Bergführer Deutschlands. © Enno Kapitza

München – Das Drama vom Großglockner hat die Bergwelt erschüttert. Ein Paar wollte den Gipfel erklimmen – der 37-Jährige verfügte über große Erfahrung im hochalpinen Bereich, seine Bergsport-begeisterte Freundin hatte noch nie zuvor solch eine Tour im Winter unternommen. Knapp unterhalb des Gipfels erfror die 33-Jährige allein in der Nacht, während ihr Freund versuchte, Hilfe zu holen. Ihr Partner wurde kürzlich vom Landesgericht Innsbruck wegen grob fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von fünf Monaten und einer Geldbuße von 9600 Euro verurteilt. Sowohl er als auch die Staatsanwaltschaft legten Berufung gegen das Urteil ein. Was das für die Bergsteiger-Szene bedeutet, erklärt der Allgäuer Michael Schott (63), Präsident des Verbands deutscher Berg- und Skiführer.

Nach dem Urteil fragen sich viele Bergsteiger: Wer trägt in einer privaten Seilschaft die Verantwortung?

Jeder ist erst einmal für sich selbst verantwortlich. Aber letztlich kommt es auf die genauen Umstände an. Manchmal ist von vornherein klar, dass einer aus der Gruppe am meisten Erfahrung hat. Die Führungssituation kann sich aber auch im Lauf der Tour ergeben: Wenn der Gruppenführer verletzt wird, muss jemand seine Rolle übernehmen.

Steht der Erfahrenere am Berg mit einem Bein im Gefängnis?

Würde ich nicht so grundsätzlich sagen. Das kann sich so ergeben, wenn man grob fahrlässig handelt. Das wäre übrigens auch so, wenn man an einer fremden verunglückten Person einfach vorbeigeht.

Sind zu viele unerfahrene Menschen am Berg unterwegs?

Es werden schon mehr Unbedarfte. Das Interesse an der Natur ist riesig. Auch Social Media hat einen großen Einfluss, dort wird die Lust auf besondere Erlebnisse geschürt. Es muss immer noch cooler, noch außergewöhnlicher sein. Früher war oft die schlechte Ausrüstung ein Problem. Jetzt sind die meisten top ausgestattet – aber mit dem Material muss man auch umgehen können.

Was sind die häufigsten Fehler von Bergsteigern?

Das fehlende Gefahrenbewusstsein und die mangelhafte Risikoeinschätzung. Vor allem dann, wenn sich die Bedingungen plötzlich ändern. Damit umzugehen und rechtzeitig umzudrehen, damit tun sich viele schwer. Oft sind auch die Touren falsch gewählt oder das Timing stimmt nicht – sei es die Tageszeit oder auch die Jahreszeit.

Was macht ein ausgebildeter Bergführer besser?

Die Erfahrung ist entscheidend. Klar geht es auch um technische Dinge, aber man muss auch die Gruppendynamik beachten. Manchmal trauen sich Schwächere nicht zu sagen, dass sie nicht mehr können, die Dominanteren setzen sich durch. Aber der schwächste Teilnehmer gibt vor, wie es weitergeht.

Und der hat dann den schwarzen Peter?

Ich habe solche Schuldzuweisungen noch nicht erlebt, aber ich höre davon. Deshalb ist es wichtig, wie der Bergführer kommuniziert. Wenn ich der Person die Schuld gebe, dann kann die Stimmung kippen.

Sie sind seit 40 Jahren Bergführer. Ist Ihnen schon mal ein lebensgefährlicher Fehler passiert?

Mir ist nie etwas Ernsthaftes passiert, toi, toi, toi. Aber wenn ich an meine Anfangsjahre beim Bergsteigen denke, hatte ich einfach riesiges Glück. Als Jugendliche haben wir uns zum Beispiel überhaupt nicht mit der Lawinengefahr beschäftigt. Da hieß es: Da ist ein cooler Hang, da fahren wir rein. Aber seither hat sich natürlich viel verändert.

Wetterbericht, Lawinenlage, Ausrüstung – alles ist professioneller geworden. Aber die Gefahr bleibt …

Die Sehnsucht nach außerordentlichen Erlebnissen ist oft größer als die Vernunft. Durch die Ausrüstung sind viele risikoreicher unterwegs. Aber das ist keine Sicherheitsausrüstung, die einem Sicherheit gibt, das ist eine Notfallausrüstung. Mit der muss man auch umgehen können.

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