Geisterkulisse Freiham

von Redaktion

Alles neu, trotzdem gähnende Leere – Auf Spurensuche am Stadtrand

Dreimal Leerstand in Freiham: das leere Kulturzentrum (links), ein leeres Vereinsheim (o. re.) und eine für den Privatverkehr gesperrte Straße (u.). © Michaela Stache (5)

München – Die Verbindungsstraße U-1750 zwischen der A99 und Freiham sieht tiptop aus: glatter Asphalt, weiße Streifen, Leitpfosten links und rechts. Autos fahren auch schon darüber – doch das dürfen sie gar nicht. Die Straße ist nämlich gesperrt. Und das seit sechs Jahren.

Für Stadtrat Nikolaus Gradl und Stadtratskandidat Sebastian Kriesel (beide CSU) Irrsinn: „Die Straße hat 1,5 Millionen Euro gekostet und ist der schnellste Weg zur Autobahn“, sagt Kriesel. Laut Stadt ist die Straße aber nur in einem provisorischen Zustand und nicht verkehrssicher. Wann sie freigegeben wird, konnte ein Sprecher auf Anfrage nicht sagen.

Bis dahin heißt es für Autofahrer: Bitte großräumig umfahren. Für Kriesel und Gradl ist das reine Geldverschwendung. Und das sei beileibe nicht die einzige in Freiham, sagen sie.

Hier im Münchner Westen entsteht ein neues Mega-Viertel. 25.000 Menschen sollen hier mal wohnen, 9000 sind schon da. Doch an vielen Orten sieht es aus wie in einer Geisterstadt. Ein Beispiel: das Vereinsheim im Sportcampus. 5,5 Millionen Euro hat die Stadt dafür ausgegeben, sagen Kriesel und Gradl. Seit 2020 gibt es aber keinen Pächter. Laut Stadt soll eine Ausschreibung „zeitnah“ erfolgen.

Nächster Leerstand: An der Aubinger Allee sind mehrere Wohnblöcke seit Herbst 2025 bezugsbereit– aber nicht bezogen. 96 geförderte Wohnungen, alle leer: in München undenkbar, in Freiham Realität. „Dort sollen nach Willen der Stadt eigentlich Pfleger oder Erzieher wohnen – doch es passiert nichts“, sagt Gradl. Schlimmer noch: Die Wohnungen hätten seit 2023 stehen sollen, doch es gab Probleme beim Bau. Dann wurden die Wohnungen an eine Firma weiterverkauft. Was aus ihnen wird – unklar.

Gleich neben den leeren Wohnungen sanieren Arbeiter die Fassade im unteren Teil eines langen Baus. Auch diese Flächen hätten 2023 fertig sein sollen, doch die Baufirma pfuschte und war dann insolvent, so ein Sprecher der städtischen Münchner Wohnen. Jetzt dauert’s halt länger. „Hier sollten die Stadtbibliothek, ein Gesundheitsladen und ein Kulturzentrum hin“, sagt Kriesel. „Dafür hat die Stadt 13,5 Millionen Euro ausgegeben.“ Übergabe laut Münchner Wohnen: Sommer 2026.

20 Millionen Euro Steuergeld – für leere Räume und Straßen. Für Anwohner wie Laura T. (30) unverständlich. Die Markenprüferin zog vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Neuhausen hierher. „Es gibt hier sehr gute Angebote, aber beim Verkehr läuft es nicht gut: Die S-Bahn fährt nicht oft genug, die U-Bahn fehlt. Viele sind aufs Auto angewiesen, aber es gibt nicht genug Parkplätze. Viele Straßen sind gesperrt, man steht morgens schon vor der Haustür im Stau.“ Dass sie aus der City wegzog, wurmt sie etwas: „Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal für Freiham entscheiden würden.“THOMAS GAUTIER

Artikel 1 von 11