Julia Baumann aus Rosenheim kandidiert in Marktredwitz.
Günter Heyland tritt in München und Gunzenhausen an.
Anton Wallner tritt in Großkarolinenfeld an.
Rosenheim – Wenn sich Julia Baumann daheim in Rosenheim ins Auto setzt und nach Marktredwitz fährt, in ihren Geburtsort, dann braucht sie für die Strecke dreieinhalb Stunden. Wie ist die Zugverbindung? „Schlecht“, sagt die 40-Jährige und schiebt gleich hinterher: „Das ist eines der Themen, um die ich mich kümmern will.“ Denn es könnte gut sein, dass Julia Baumann bald häufig quer durch Bayern fahren muss: Sie kandidiert in der oberfränkischen Stadt als Oberbürgermeisterin, mehr als 300 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt.
Es ist kein Einzelfall und wohl der Kandidatennot geschuldet: In wohl hunderten Gemeinden tritt für das Amt des Bürgermeisters nur ein Kandidat oder eine Kandidatin an. Manchmal findet sich im Ort gar keiner – oder man baut auf die Erfahrung arrivierter Kommunalpolitiker, auch wenn sie ortsfremd sind. So ist es bei Anton Wallner.
Dass Anton Wallner (CSU) 2024 bei einer außerturnusmäßigen Wahl sein Bürgermeisteramt in Bad Feilnbach im Kreis Rosenheim verloren hat, war für ihn eine herbe Enttäuschung. Jetzt probiert er es in einer Nachbar-Gemeinde, in Großkarolinenfeld. Dieses Mal stehen die Chancen gut: Gleich vier Gruppierungen stellten ihn auf. Nur die Freien Wähler setzen auf einen eigenen Kandidaten. Fehlender Ortsbezug soll keine Rolle spielen, haben Wallners Unterstützer deutlich gemacht. Wallner hat selbst angekündigt, er werde auch im Fall seiner Wahl in Bad Feilnbach wohnen bleiben.
Ähnlich ist es bei Günter Heyland. Der ehemalige Bürgermeister Neubibergs im Kreis München will’s noch mal wissen. Er kandidiert gleichzeitig für den Stadtrat im mittelfränkischen Gunzenhausen, wo er seit 2021 mit seiner Ehefrau wohnt, sowie für den Kreistag des Landkreises München.
Rechtlich ist das zulässig, erklärt das Landratsamt. Denn Heyland hat auch einen zweiten Wohnsitz bei seinem Sohn, der im Landkreis München lebt. Kommunalpolitik ist nun mal „mein Hobby, mein Leben“, sagt Heyland. Die Sitzungsunterlagen könne er online lesen, an manchen Sitzungen auch online teilnehmen.
Die Marktredwitzer Kandidatin Julia Baumann ist neu in der Kommunalpolitik. Sie arbeitet derzeit als Sozialpädagogin an einer Schule, zuvor war sie Referentin des Hochschulpräsidenten in Rosenheim. Dort lebt sie mit ihrer Familie, ihre Kinder sind 11, 13 und 17 Jahre alt. In Marktredwitz hat sie selbst zwar nie gewohnt, aber ihre Oma – die Verbindung nach Oberfranken war immer da. Und als die örtliche SPD Julia Baumann vor einer Weile ansprach, ob sie nicht als Bürgermeisterin kandidieren will, überlegte sie zwar gründlich – sagte am Ende aber zu.
Sie tritt als parteifreie Kandidatin an, unterstützt von der SPD, und fordert den Amtsinhaber, der seit zwölf Jahren im Rathaus sitzt und bei den letzten beiden Wahlen keinen Gegenkandidaten hatte, heraus. Setzt sie sich durch, wird sie neben dem Wohnsitz in Rosenheim auch einen in Marktredwitz haben – und für ihr neues Amt viel pendeln.CARINA ZIMNIOK, DIRK WALTER