In Fußfesseln betrat die Angeklagte gestern den Gerichtssaal.
München/Regensburg – Als Volljuristin bei einer Münchner Versicherung standen Karen L. alle Türen offen – doch nun steht die 59-Jährige wegen eines heimtückischen Mordanschlags auf ihre eigene Familie vor dem Landgericht Regensburg. Laut Staatsanwältin schüttete die Münchnerin im März 2025 Rattengift in die Milch, mit der ihre 56-jährige Schwester sich morgens immer ihren Kaffee zubereitete. Das Motiv laut Anklage: Die Schwester hatte Rattenköder-Pads im Elternhaus in Mainburg ausgelegt, wo Karen L. Ratten züchtete. „Aus ihrer Sicht hat unsere Schwester ihre Lieblinge getötet“, sagte ihr 61-jähriger Bruder (ebenfalls Jurist) gestern zum Prozessauftakt aus.
Die Angeklagte, die mit Fußfesseln und modischen Fellstiefeln mit „Love“-Schriftzug vorgeführt wurde, schwieg zu den Vorwürfen. Ihre Schwester hatte die Polizei alarmiert, als sie eine taube Zunge gespürt und grünliche Ablagerungen in ihrer Tasse entdeckt hatte. Schon in der ersten Nacht in der Zelle soll Karen L. ein Geständnis abgelegt haben. Ihre Mit-Insassin Magdalena B. erinnerte sich: „In der Nacht setzte sie sich im Bett auf, zog sich die Decke wie so ein Gespenst über den Kopf und sagte mit verstellter Stimme: Ich habe meine Schwester umgebracht, die fette Sau.“ Sie habe sofort ihre Schere und Stifte im Schrank eingeschlossen und den Notruf-Knopf gedrückt. „Ich hatte Angst, wollte aus der Zelle raus. Sie wirkte wie besessen, das hat sich angehört wie in einem Horrorfilm.“
Laut Staatsanwaltschaft leidet Karen L. an paranoider Schizophrenie, konnte irgendwann ihren Beruf als Sachbearbeiterin nicht mehr ausüben. „Sie hat jedes Räuspern auf sich bezogen“, sagte ihr Bruder vor Gericht. „Von da an waren die Katzen und Ratten ihre Bezugspersonen, mit denen redete sie.“ Die Familie sei von Schicksalsschlägen belastet gewesen: Der jüngere Bruder nahm sich mit 28 das Leben, gegen den Vater wurde wegen Steuerhinterziehung ermittelt, die Mutter habe immerzu geschrien. In seiner Not wandte sich der Bruder irgendwann ans Landratsamt, bat um Hilfe für seine Schwester. Das Urteil soll nächste Woche fallen.