Vor dem Wohnhaus von Resl gab es regelmäßig Ansammlungen von Gläubigen. © SZ Photo / AP
Eine Frau betrachtet die Votivgaben für Resl an der eigens errichteten Kapelle am Friedhof. © Uta Poss/PA
Blutende Wunden: Therese Neumann, genannt Resl von Konnersreuth, galt als stigmatisiert. Seit mehr als 20 Jahren läuft ein Verfahren zur Seligsprechung. © Friedrich/InterFoto (2)
Konnersreuth – Stigmatisierte sind Menschen, die angeblich die Wundmale Christi tragen und regelmäßig an Händen oder Füßen bluten. Franz von Assisi war der erste. 100 von ihnen wurden allein im 20. Jahrhundert verzeichnet. Therese Neumann, genannt „Resl von Konnersreuth“, war die wohl umstrittenste von ihnen. Vor 100 Jahren, am 5. März 1926, begannen bei ihr die Stigmatisierungen.
Bei der Oberpfälzer Bauernmagd traten die Wundmale Christi regelmäßig auf; in Ekstase durchlebte sie dann das Leiden Christi. In Visionen soll sie Aramäisch gesprochen haben, also die Muttersprache Jesu. Als die wundersamen Vorkommnisse ab 1926 regelmäßig auftraten, setzte eine internationale Wallfahrtsbewegung nach Konnersreuth ein. Ärzte, Theologen und Journalisten nahmen sich der Prüfung der Echtheit an, führten Beweise und Gegenbeweise an.
War „Resl“ eine gottbegnadete Mystikerin – oder eher eine fromme Betrügerin? Die Kontroverse füllt ein Bücherregal. Kritiker vermuten, dass sich Stigmatisierte die Wunden selber zufügen. Doch Ärzte widersprechen dieser Meinung. Echte Male bluteten nicht so heftig und seien leicht von selbst beigebrachten Verletzungen zu unterscheiden.
Für den Jesuiten und Psychiater Eckhard Frick sind Thereses Stigmatisierungen „ein psychosomatischer Ausdruck einer Leidensmystik“, wie er auch bei Franz von Assisi vorgekommen sei. Bei Therese habe das Auftreten der Wundmale jeweils in Verbindung mit Festtagen wie dem Karfreitag gestanden, aber auch mit biografischen Faktoren wie dem Brand eines Stadels in der Nachbarschaft und der Heimkehr ihres Vaters aus dem Krieg. Zugleich sei die Frau „eine ganz handfeste Person mit gesundem Menschenverstand und Humor“ gewesen, so der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Obwohl sie nur über eine einfache Volksschulbildung verfügte, versammelte die Magd Ende der 1920er-Jahre einen Intellektuellenzirkel um sich und inspirierte ihn zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Wohl der Wichtigste der Resl-Jünger: der damalige Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ (MNN), Fritz Gerlich. Er war im September 1927 eigentlich nach Konnersreuth gefahren, um den „Schwindel“ dort aufzudecken.
Anlass war ein Artikel des MNN-Redakteurs Erwein von Arentin, der im August erschienen war und ein sensationelles Echo erzielte. Der Artikel mit der Überschrift „Die Erscheinungen von Konnersreuth“ wurde, wie der Historiker Rudolf Morsey in einer Biografie über Gerlich schreibt, in 32 Sprachen übersetzt und führte dazu, dass Konnersreuth rasch von Neugierigen belagert wurde. Gerlich machte sich dann selbst ein Bild: „Erlebnisse in Konnersreuth“, hieß sein Bericht, in dem er die Blutungen Resls als übernatürlich einstufte. Unter dem Eindruck der Begegnung mit Therese Neumann verwandelte er sich in einen ihrer glühendsten Verteidiger. Der Calvinist konvertierte zum katholischen Glauben. Nach seinem Ausscheiden aus der Zeitung verbrachte Gerlich ein Jahr später fünf Monate bei Resl mit dem Ziel, ein Buch zu schreiben, das 1929 auch tatsächlich erschien. Er unterwarf sich der gelähmten Frau nun zusehens, fragte sie sogar im Rat in finanziellen Angelegenheiten, etwa ob er Aktien verkaufen solle. Später gründete Gerlich aus einer Vorgängerzeitung namens „Illustrierter Sonntag“ das reißerisch aufgemachte Blatt „Der gerade Weg“.
Er wurde, wie Morsey nachwies, auch auf den Rat von Resl hin, zu einem frühen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus. Das büßte Gerlich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit seinem Tod – er wurde im Zuge der Röhm-Morde 1934 von bis heute nicht bekannten Mördern beseitigt.
Der Ruhm von Resl von Konnersreuth hielt jedoch bis zu ihrem Tod durch einen Herzinfarkt am 18. September 1962 an. Bis heute ist ihr Grab eine Touristenattraktion. In dem 1800-Einwohner-Ort im Norden der Oberpfalz würdigt ein Theres-Neumann-Museum das Wirken der Resl.
Auch wenn viele Träger von Wundmalen heiliggesprochen sind: Die katholische Kirche bewertet Stigmata inzwischen mit Vorsicht. Aber: Seit 2005 läuft, angestoßen vom damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller, ein Seligsprechungsverfahren zu Resl – und ebenso zu ihrem Verehrer Fritz Gerlich. Die Verfahren im Vatikan sind aber offenbar längst nicht abgeschlossen.KNA/DW