In München-Neuhausen steht die älteste Großstadt-Jugendherberge der Welt.
Stockbetten sind passé: Klaus Umbach (l.) und Michael Gößl vom Jugendherbergswerk zeigen ein barrierefreies Zweibettzimmer in der Herberge München City. © Achim F. Schmidt (3)
München – Die Jugendherberge am Walchensee im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist Geschichte. Seit November steht das Haus mit Seeblick in Urfeld zum Verkauf. Gut 2,5 Millionen Euro hätten hier investiert werden müssen, obwohl der Rubel meist nur im Sommer rollte. Das konnte und wollte sich der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) nicht leisten.
„Das ist die Zukunft“, sagt der geschäftsführende Vorstand Michael Gößl auch gestern beim Verkünden der Jahresbilanz 2025 in München. „Wir werden keine Häuser mehr halten können, die keine schwarzen Zahlen schreiben.“ Als gemeinnütziger Verein ist der Landesverband Betreiber und Partner von 46 Jugendherbergen im Freistaat und damit – trotz 1,45 Millionen Euro Förderung im Jahr – ein mittelständisches Unternehmen. „Uns plagen die gleichen Sorgen wie andere Branchen: steigende Energiepreise, höhere Bau- und Personalkosten.“ Von 925 Mitarbeitenden sind gut 600 in Vollzeit angestellt. Allein die Lohnkosten seien zuletzt um 2,5 Millionen Euro gestiegen.
Bayerns Jugendherbergen zählten 2025 rund 1,14 Millionen Übernachtungen mit 470.750 Gästeankünften. Im Vergleich zum Vorjahr müssen sie somit einen Rückgang um vier Prozent verkraften. „Das Minus ist noch kein Krisenszenario, aber ein Signal“, sagt Gößl. „Wenn Schulen und Träger der Jugendarbeit unter Kostendruck geraten und Förderprogramme unsicher werden, trifft das unmittelbar Einrichtungen wie unsere. Wer Jugendherbergen aber rein touristisch betrachtet, denkt zu kurz. Immerhin sind wir Teil der sozialen Infrastruktur des Landes.“
Denn der Verband stellt heute nicht nur 7590 Betten, sondern verfolgt seit mittlerweile 100 Jahren einen höheren Auftrag: „Jugendherbergen sind Lern- und Erlebnisorte mit pädagogischem Angebot für Schulklassen, Gruppen und Familien“, erklärt Klaus Umbach, Präsident des DJH Bayern. Der Verband beschäftigt pädagogisches Fachpersonal für 2500 zum Lehrplan passende Programme, die Schulklassen in der Herberge buchen. Sie stärken Teamfähigkeit, Medienkompetenz und Nachhaltigkeitsdenken genauso wie ihre demokratische Urteilskraft und ihr Wissen in Kultur, Musik und Sport. Ein Programm etwa zielt auf Extremismusprävention bei Schülern ab. „Unser Beitrag ist wichtiger denn je“, sagt Umbach. „Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie stärken will, muss ihre sozialwirtschaftliche Infrastruktur stärken.“
Den Großteil der Herbergsgäste machen mit 42 Prozent noch immer Schulklassen aus, 25 Prozent andere Gruppenreisen, etwa von Vereinen, und weitere 20 Prozent Familien. Im Vergleich zum Jahr 2023 ist die Zahl der Jugendherbergen an sich nicht nur um vier geschrumpft, es haben sich auch fünf Prozent weniger Familien eingebucht. „Auch wir mussten unsere Preise zuletzt anheben“, sagt Umbach. „Familien sind preissensibel und deshalb womöglich vermehrt auf Ferienwohnungen ausgewichen.“ Gößl verweist auf den Camping-Trend: „Wer ein Wohnmobil hat, kommt mit Kindern günstiger weg.“
Die Ansprüche der verbleibenden Gäste steigen. Das reibt sich mit teils stark in die Jahre gekommenen Häusern. „Die meisten stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus“, sagt Umbach und verweist auf Eichstätt und Regensburg. „So ein Haus wie in Regensburg müsste man für 20 Millionen Euro neu bauen.“ Das ist nicht drin. Mal wird also für aktuelle Brandschutzvorgaben nachgebessert, mal energetisch saniert und mal was für die Barrierefreiheit getan. Das läppert sich mit 46 Standorten pro Jahr auf einen siebenstelligen Betrag.
Dazu kommt: Hagebuttentee zum Frühstück, Stockbetten sowie Dusche und Klo auf der Etage sind nicht mehr gefragt. „Wir investieren massiv in den Einbau sanitärer Anlagen. Das kostet Betten, ist heute aber selbst für Schüler Standard“, sagt Gößl. „Auch Tagungs- und Seminarräume sind immer gefragter. Die Anforderungen der Gäste sind hoch und reichen von der Klimaanlage bis hin zur Hightech-Ausstattung im Wert von mehreren tausend Euro.“CORNELIA SCHRAMM