KOLUMNE ZUM THEMA DEMENZ

Konflikt Körperpflege

von Redaktion

Über Körperpflege spricht kaum jemand gern. Schon gar nicht, wenn sie plötzlich Teil der Pflege eines nahestehenden Menschen wird. Mundhygiene, Duschen und Inkontinenz sind intime Themen und gehören für viele pflegende Angehörige zum Alltag. Was oft im Verborgenen bleibt, sind Gefühle wie Scham, Ekel und Überforderung.

In Gesprächen mit Angehörigen zeigt sich immer wieder: Körperpflege kann zum Konflikt werden, weil sie an persönliche Grenzen rührt – bei den Angehörigen ebenso wie bei den pflegebedürftigen Menschen. Letztere fühlen sich ihrer Autonomie und auch Würde beraubt. Während die Pflegenden Dinge tun müssen, die sie nicht möchten.

Auch wenn es unangenehm oder peinlich ist, es hilft, sich dessen bewusst zu werden und die eigenen Gedanken zu thematisieren. In Angehörigengruppen erlebe ich oft, wie entlastend es ist, das Unaussprechliche auszusprechen. Allein zu merken: Ich bin damit nicht allein, nimmt Druck heraus. Manchmal hilft es auch schon, besser zu verstehen, warum Hygiene für Menschen mit Demenz so schwierig werden kann.

Viele Betroffene empfinden zum Beispiel den Kontakt mit Wasser als bedrohlich. Duschen oder Waschen können Angst auslösen und dadurch zu Verweigerung führen. Was für Angehörige wie Sturheit wirkt, ist häufig ein Schutzmechanismus. Gleichzeitig geraten Pflegende unter Druck. Sie machen sich sorgen um Hygiene und gesundheitliche Folgen. Hinzu kommt die Sorge, „richtig“ handeln zu müssen, weil die Situation immer weniger den eigenen Hygienevorstellungen entspricht.

Besonders belastend wird es, wenn unangenehme Gerüche oder Inkontinenz hinzukommen. Gefühle wie Ekel sind dann keine Seltenheit, aber stark tabuisiert. Wer sie empfindet, schämt sich oft zusätzlich. Dabei sind diese Reaktionen menschlich. Entscheidend ist nicht, dass sie auftauchen, sondern wie wir mit ihnen umgehen.

Hier beginnt die Suche nach Lösungen, die allen gerecht werden. Eine Angehörige erzählte mir, dass sich ihr Mann strikt geweigert hatte, sich von ihr waschen zu lassen. Nach vielen Konflikten und erschöpfenden Diskussionen schaltete sie einen ambulanten Pflegedienst ein. Ein männlicher Pfleger übernahm die Körperpflege, und die Situation entspannte sich spürbar für beide.

Dieses Beispiel zeigt, wenn etwas dauerhaft überfordert, darf und sollte man Unterstützung annehmen. Das kann heißen, z. B. Ärzte oder Pflegedienste einzubeziehen. Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen. Muss wirklich alles immer perfekt sein? Einen Fleck auf dem Pulli kann man auch mal übersehen und sich damit eine belastende Diskussion ersparen.

Schwieriger wird es beim Thema Inkontinenz. Hier stoßen viele Angehörige an ihre persönlichen Grenzen. Für manche Familien ist das der Punkt, an dem Überlegungen zu einer anderen Wohn- oder Versorgungsform, etwa einem Pflegeheim, notwendig werden. Körperpflege bei Demenz ist kein Maßstab für Liebe oder Loyalität. Sie ist eine große Herausforderung. Es ist völlig in Ordnung zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Für die eigenen Grenzen einzustehen ist kein Scheitern.

*Désirée von Bohlen und Halbach ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Desideria e.V.

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