Rätselhafte Güterzug-Entgleisung

von Redaktion

Gebrochenes Rad alarmiert Behörde – Hintergrund ist eine europaweite Unfallserie

Der Waggon hatte sich tief in den Schotter eingegraben.

Der entgleiste Güterzug auf der Bahnstrecke Rosenheim–Raubling am 31. Dezember 2025. © Josef Reisner/Bundespolizei

München/Rosenheim – Der Güterzug mit der Nummer DGS 43119 auf der Fahrt vom Rangierbahnhof München-Riem Richtung Verona hatte am Silvestertag gerade den Bahnhof Rosenheim passiert, als gegen 13.40 Uhr einer der Container-Waggons entgleiste. Der Lokführer des Unternehmens Lokomotion bemerkte das zunächst nicht. Die Folgen waren gravierend: Über zwei Kilometer wurde der entgleiste Waggon mitgeschleift, Schienen und Oberbau beschädigt, ehe der Zug schließlich stoppte. Mehrere Wochen lang konnte der Bahnverkehr auf dieser Hauptachse Richtung Brenner nur eingleisig aufrechterhalten werden. Erst am 6. Februar war die Strecke wieder repariert. Der Schaden betrug mehrere Millionen Euro.

Der Unfall hat einen ernsten Hintergrund, wie jetzt aus einem Zwischenbericht der Bundesstelle für Eisenbahnunfall-Untersuchung (BEU) hervorgeht. Der Unfall „könnte sich als ein Ereignis innerhalb einer Unfallserie im europäischen Bahnsystem darstellen“, schreibt die BEU. Dabei handele es sich um „Radscheibenbrüche an Güterwagen“, die „bereits seit mehreren Jahren Gegenstand umfangreicher Expertenberatungen“ seien.

Tatsächlich war der Güterzug südlich von Rosenheim aufgrund einer gebrochenen Radscheibe entgleist, wie Experten der BEU herausfanden. Die Räder werden nun untersucht. Worauf die BEU anspielt: Es gab laut Schweizerischer Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) seit 2019 schon über 70 Unfälle, bei denen Güterwaggons aufgrund einer gebrochenen Radscheibe entgleisten. Der gravierendste Unfall geschah im August 2023 im Gotthard-Eisenbahntunnel in der Schweiz, als ein entgleister Güterzug von SBB Cargo auf dem Weg von Chiasso nach Mannheim verheerende Schäden im Tunnel anrichtete. Der Schaden damals: 150 Millionen Euro.

Eine mögliche Ursache: die Überhitzung von Rädern. Güterzüge fahren heute schneller als früher, beim Stoppen vor Signalen werden die Bremsen daher stärker beansprucht. Im Fokus sind dabei die Flüsterbremsen, mit denen zehntausende Güterwaggons ausgestattet sind. Dabei hatte die Deutsche Bahn auf Druck des damaligen Verkehrsministers Andreas Scheuer (CSU) extra ein Programm gestartet, um Bremsen der Güterwaggons umzurüsten. Bei den alten Graugussbremsen schleift Metall auf Metall, die Räder werden daher aufgeraut, was zu Unebenheiten und lauten Rollgeräuschen führt. Stattdessen haben die meisten Güterwaggons heute LL-Bremssohlen aus Verbundstoff. LL steht für „low noise, low friction“ („wenig Lärm, wenig Reibung“). Die SBB hatte nach dem Gotthard-Unfall nun aber angekündigt, die LL-Bremsen aus dem Verkehr zu ziehen. Wie sich die DB verhält, ist noch offen.DIRK WALTER

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