Playmobilfiguren treiben in der Strömung der Modell-Walze.
Wasserwacht-Chef Thomas Huber (rechts) begutachtet den Modell-Damm.
Grüne Legosteine als Sandsack-Ersatz: Ein Wissenschaftler des Wasserbaulabors erklärt den Einsatzkräften am Modell Schutzmöglichkeiten im Fall einer Flut. © robert brouczek (3)
Neubiberg – Yvonne Köppe-Kreißig macht sich dafür bereit, eine Katastrophe zu verursachen. Sie steht hinter einer Modelllandschaft und dreht den Hahn auf. Aus den Sprinklern über den Miniaturbergen donnert der Starkregen auf die Landschaft – und es dauert nicht lange, bis aus dem kleinen Miniaturgebirgsbach ein reißender Fluss wird, der ins Miniatur-Tal donnert. Am anderen Ende des Modells stehen Einsatzkräfte der Wasserwacht mit einem Behälter voll grüner Legosteine. Ihre Aufgabe ist es, das Dorf zu schützen. In diesem Szenario stehen die Legosteine für Sandsäcke. Die Helfer beginnen, einen Damm unterhalb des Flusses zu bauen. Aber sie merken schnell, dass ein Damm in etwas weiterer Entfernung mehr Sinn macht. Denn wenn der Fluss etwas mehr Platz bekommt, um sich auszubreiten, ist der Schutz wirksamer.
Yvonne Köppe-Kreißig ist Bautechnikerin an der Bundeswehr-Uni in Neubiberg. Hier sind drei Tage lang 30 Wasserwachtler aus ganz Deutschland zu Gast. Sie lassen sich zu Wasserfachberatern für Hochwasserschutz weiterbilden. Und Köppe-Kreißig stellt sie gerade auf die Probe. „Seid ihr bereit für das Hochwasser?“, ruft sie ihnen zu und dreht den Hahn noch weiter auf. Wasser donnert auf die Miniatur-Ortschaft zu. Doch der Damm hält. Sie nickt zufrieden. Dann deutet sie aber auf eine Brücke und sagt: „Die wird ganz schön angeströmt, ihr müsst sie noch mehr entlasten.“ Köppe-Kreißig lässt Miniatur-Geröll und -Holz ins Tal treiben, alles bleibt an der Brücke hängen. Verklausung ist der Fachbegriff für dieses Szenario. Am anderen Ende des Modells beraten sich die Einsatzkräfte, bauen an einigen Stellen Legosteine nach. „Die Häuser sind sicher“, ruft einer. „Gute Arbeit“, sagt die Bautechnikerin. Wäre das Wasser in die Häuser gelangt, wäre über einen Sensor das Licht ausgegangen. Das Miniatur-Dorf ist gerettet.
Szenen wie diese spielen sich in der Realität immer häufiger ab – und das längst nicht mehr nur in Regionen, die in Flussnähe liegen. Starkregen-Ereignisse werden häufiger. Und die Einsatzkräfte wollen sich noch besser darauf vorbereiten. Als Thomas Huber vor acht Jahren Vorsitzender der bayerischen Wasserwacht wurde, hatten die Helfer von der Unwetterwarnung bis zur Katastrophe mindestens 24 Stunden Vorlauf. „Inzwischen sind es noch 30 Minuten“, sagt er. Das bedeutet: Die Ausbildung und die Ausrüstung müssen immer weiter verbessert werden. Langfristig soll in Bayern ein Wasserrettungszentrum entstehen, in dem die Einsatzkräfte gezielt trainieren können. Die Planungen dafür laufen bereits.
Parallel dazu will das Rote Kreuz aber mit den Wissenschaftlern enger zusammenarbeiten. An der Bundeswehr-Uni gibt es ein Wasserbau-Labor, in dem die Einsatzkräfte während ihrer Schulung verschiedene Szenarien studieren und diskutieren können. Zum Beispiel einen Miniatur-Dammbruch. Die 30 Teilnehmer stehen rund um einen Glaskasten, in dem ein Damm aufgebaut ist. Diesmal sorgt Laborleiter Ivo Baselt für die Katastrophe und lässt das Wasser in den Kasten laufen. Der Deich hat bereits eine kleine Scharte – das macht es dem Wasser noch leichter, ihn zu erodieren. Erst geht die Oberschicht verloren. Dann strömt das Wasser immer schneller über den Deich.
Auch dieses Modell ist für die Einsatzkräfte ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung. Denn ihre Aufgabe wird es im Katastrophenfall sein, Krisenstäbe so zu beraten, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen können. Wären in dieses Miniaturdorf noch Einsatzkräfte geschickt worden, als das Wasser schon meterhoch hinter dem Deich stand, hätten die Helfer ihr Leben riskiert. Die Wasserwachtler diskutieren am Modell, wie Sandsäcke auf dem Damm das Unglück hinauszögern könnten.
Danach geht es weiter zur nächsten Station. Eine Miniaturwasserwalze, in der Playmobil-Figuren von der Strömung immer wieder angezogen und nach unten gedrückt werden. An diesem Tag wird viel beobachtet und viel diskutiert im Wasserlabor der Uni. Auch Bayerns Wasserwacht-Chef Thomas Huber steht fasziniert vor den Modellen. „Diese Kurse sollen jetzt einmal pro Jahr stattfinden“, sagt er. Werbung machen muss das Rote Kreuz dafür nicht viel – der Kurs war sofort ausgebucht.