Dann halt noch mal sechs Jahre: Helmut Knaus wurde Bürgermeister, obwohl er in Rente gehen wollte. © Beck/SZ Photo/pa
Philippsreut – Helmut Knaus hatte so viel vor. Er wollte endlich fertig werden mit seinem Haus, daran renoviert er seit 16 Jahren in jeder freien Minute rum. Dann wollte er seine kleine Gastwirtschaft wieder aufsperren, wo sich der Schützenverein früher schon getroffen hat. Helmut Knaus ist 63 Jahre alt, und er wäre nach zwei Amtszeiten als Bürgermeister von Philippsreut im Bayerischen Wald wirklich gerne in Bürgermeister-Rente gegangen. Deshalb hat er auch nicht kandidiert. „Aber nix war‘s“, sagt er am Montagmorgen am Telefon. „Die Wähler haben anders entschieden.“
Es ist eine besonders kuriose Geschichte, die sich am Wahlsonntag in dem 618-Einwohner-Ort ereignet hat. Nachdem Helmut Knaus (Bayernpartei/Freie Wähler) schon vor Monaten angekündigt hatte, dass er nicht mehr kandidiert, war klar: In Philippsreut stellt sich niemand für das Amt des Bürgermeisters zur Verfügung. „Es wollte einfach keiner“, sagt Knaus, der seit 2014 im Amt ist. Schon in den Wochen vor der Wahl zeichnet sich ab, dass das spannend wird. Denn viele haben Knaus angekündigt, dass sie ihn nicht in Rente gehen lassen, dass sie ihn einfach wählen werden. Das Kommunalwahlrecht erlaubt das: dass man irgendeinen Namen vorschlägt. 521 Wahlberechtigte gibt es in dem Dorf, fast 80 Prozent beteiligten sich an der Wahl. Und 216 Wähler haben den Namen Helmut Knaus auf den Zettel geschrieben. 57,1 Prozent. Also nahm der amtierende Bürgermeister die Wahl an. „Da kann man nicht einfach Ällabätsch sagen“, sagt er. Und seufzt. Die Kandidatin mit den zweitmeisten Stimmen wurde von 23,5 Prozent gewählt.
Ein bisschen geschmeichelt fühlt sich Helmut Knaus, gelernter Kfz-Mechaniker und Fernmeldetechniker, nun schon. Vor allem, weil er 2014 eher knapp gewann. Damals kandidierte er gegen einen weiteren Neuling und setzte sich mit nur elf Stimmen durch. Niemals hätte er geglaubt, dass er so lange im Amt bleibt. Und was, wenn ihn die Philippsreuter in sechs Jahren wieder nicht in Rente gehen lassen? Helmut Knaus schnauft tief durch, lacht, und sagt: „Oh, oh…“
Bürgermeister wider Willen – ob Hubert Wagner aus Antdorf (Kreis Weilheim-Schongau) das bald sein wird, will er sich noch überlegen. In dem Ort hatte sich ebenfalls kein Kandidat zur Verfügung gestellt. Der scheidende Bürgermeister Klaus Kostalek hatte klar gesagt: „Sollte ich gewählt werden, lehne ich ab.“ Auch Hubert Wagner, 55 Jahre alt und Sachgebietsleiter Umweltschutz im Landratsamt, hatte bei der Aufstellungsversammlung erklärt, dass er nicht zur Verfügung steht. Allerdings schrieben 60 Prozent der Wahlberechtigten, also 385 Bürger, seinen Namen auf den Stimmzettel. Er hat eine Woche Zeit, die Wahl schriftlich abzulehnen. „Ich muss mich jetzt erst mit dem Wahlergebnis und den Konsequenzen auseinandersetzen“, sagt er.
Auch in Ingenried, ebenfalls Kreis Weilheim-Schongau, weiß der Gewählte noch nicht, wie er weitermacht. Einen Kandidaten gab es nicht. Aber 290 der 661 Wahlberechtigten schrieben Siegfried Magg, derzeit Zweiter Bürgermeister, auf den Stimmzettel. Auf Platz zwei landete der amtierende Bürgermeister Georg Saur, der aber bereits im Vorfeld angekündigt hatte, das Amt nicht mehr anzutreten. Magg sagte nach der Wahl: „Ich kann heute noch keine Entscheidung treffen. Erst einmal muss ich mehrere Gespräche führen.“
Wie geht es weiter, wenn ein Überraschungs-Bürgermeister das Amt ablehnt? Das bayerische Gemeindewahlgesetz schreibt eine Neuwahl innerhalb von drei Monaten vor. Wird erneut ein Bürgermeister gewählt, der kein Bürgermeister sein will, geht das Ganze von vorn los, das Gesetz sieht keine Obergrenze an Versuchen vor. Bis ein neuer Amtsinhaber gefunden ist, bleibt der bisherige Bürgermeister geschäftsführend im Amt. Ob er will oder nicht.CAZ/STB/CHO