Epifanio Parpagiola konnte Lachner nie vergessen.
Friedl Lachner starb in einer Bombennacht. © Privat (3)
Kurt Schmidt starb in einem abgeschossenen Flugzeug.
Heimatforscher Ernst Keller vor dem Asam-Gebäude in Freising. © Rainer Lehmann
Freising – Kurt Schmidt weiß, dass er stirbt. Am 24. April 1944 zieht seine Messerschmitt schwarzen Rauch hinter sich her. Eine amerikanische P51 hat sie getroffen. Haarscharf kann Schmidt im Sturzflug über Kirche und Schule von Fürholzen im Kreis Freising hinwegsteuern. Dann stirbt der Obergefreite aus Thüringen mit 19 beim Absturz seines Flugzeugs.
69 Jahre später, 2013, berichtet Ernst Keller den Schwestern Irmgard und Helene vom Schicksal ihres vermissten Bruders Kurt. Der Fürholzener Heimatforscher hat das Wrack freigelegt und über das Typenschild als dessen Grab identifiziert. Ein alter Bauer hatte Keller zuvor immer wieder erzählt, dass im Wald zwischen Fürholzen und Massenhausen ein Flieger liegen muss. „Ein Mini-Krater, drei verkümmerte Fichten als Zeichen der Schadstoffe im Boden und der Tagebucheintrag des damaligen Dorfpfarrers stützten die These“, erinnert sich Keller. Schnell wurde der Verein der Bayerischen Flugzeughistoriker hier mit Sonden fündig.
Keller findet die zwei betagten Schwestern aus Gera über eine Annonce – und deckt das größte Geheimnis ihrer Familie auf. Ihr Leben lang hatten Irmgard und Helene geglaubt, Nesthäkchen Kurt sei vermisst. Keller aber recherchiert, dass die Leiche des Piloten damals geborgen und der Vater von der Wehrmacht informiert worden war. „Er hat es sein Lebtag lang nicht übers Herz gebracht, das dem Rest der Familie zu sagen“, berichtet Keller. „Seine Frau hatte nie verkraftet, dass die zwei älteren Söhne gefallen sind. Also nahm er die Wahrheit über den Tod des dritten Sohnes mit ins Grab.“
Ein Familiendrama mit Gänsehaut-Faktor. Nur ist Ernst Keller kein Romanautor, sondern Forscher. Er gräbt sich durch Archive, Chroniken, Kirchenbücher, Eheurkunden und Nachlässe. Er macht Zeitzeugen ausfindig und befragt sie. 380 Artikel und fünf Sachbücher hat er verfasst und drei Filme gedreht. Etwa die Doku „Als der Luftkrieg in unsere Heimat kam“ über den Bombenangriff auf Freising im April 1945.
Seit Herbst ist der 79-Jährige Träger des Bundesverdienstkreuzes. Eine große Ehre, auch wenn sich der Ex-Finanzbeamte daraus nicht viel macht. „Am liebsten bin ich draußen auf dem Radl unterwegs“, sagt er. „Beim Ratsch am Gartenzaun findet man immer neue spannende Anekdoten.“ So ist Keller einst Heimatforscher geworden. 1972 heiratet der Freisinger beim Dorfwirt in Fürholzen ein und spitzt bei Stammtisch-Geschichten die Ohrwaschl: „Also habe ich angefangen, Interviews mit Dorf-Originalen zu führen, die mir von alten Bräuchen über das einstige Dorfleben, die Bewohner und dem Abriss alter Anwesen berichteten. Ich wollte das Wissen bewahren, bevor es verloren geht.“
Seitdem führt eine geschlossene Akte meist zu neuen Fragen. Menschen schenken Keller Briefe, Dokumente und Fotografien: Sie könnten ja wichtige Puzzlestücke für ein Rätsel sein, dem er auf der Spur ist. Immer wieder kriegt er auch Post aus Europa, den USA, sogar aus Südafrika. Erst vor ein paar Tagen schrieb ein Engländer. Seine Großmutter, 1943 als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine nach Freising deportiert, überlebte den Bombenangriff auf die Domstadt. Dieses Lebenskapitel von ihr will der Mann jetzt rekonstruieren.
Die meisten der 224 Menschen, die die Bomben nur elf Tage vor der Befreiung getötet haben, kennt Keller: „Nach 70 Gesprächen mit Zeitzeugen oder Angehörigen konnte ich über 200 identifizieren.“ Die 23-jährige Friedl Lachner vom Annenhof ist eine von ihnen. „Die Familiengruft, in der sie bestattet ist, ist verkauft und wird ausgelassen“, sagt Keller. Der Hof ist abgerissen, das Grab bald auch – aber Lachner soll nie vergessen werden, wenn es nach einem Mann aus Paris geht.
Der 50-Jährige will die Liebesgeschichte seines Großvaters Epifanio Parpagiola erforschen. Mit 23 landet dieser als Fremdarbeiter auf dem Annenhof in Freising – und verliebt sich unsterblich. „Dieser Mann hat bis zu seinem Tod 2002 von Friedl geschwärmt. Sie sei die Frau gewesen, die er hätte heiraten wollen“, erzählt Keller. Parpagiola überlebt die Bombenacht 1945, findet Friedl danach im Chaos aber nicht wieder. Und auch nicht, als er in den 50ern nach Freising reist.
„Es ist unklar, ob man ihm erzählt hat, dass Friedl gestorben ist“, sagt Keller, der heute weiß, wie die letzten Minuten ihres Lebens ausgesehen haben. Lachners Nichte Fritzi hatte Jahre später einen Schulaufsatz mit dem Titel „Ein Kriegserlebnis“ verfasst. „Ein Heulen, Krachen und Schreien ging durch die Luft. Bomben fielen wie Körner vom Himmel“, steht da. „Ein Bombensplitter sauste durch die schwere Eisentür meiner Tante mitten ins Herz.“ Friedl Lachner wird getroffen, weil sie im Bunker kniet und nicht liegt. Ihre Familie bringt sie heim – damit sie nicht ins Massengrab gekarrt wird. Später wird sie in dem Grab beerdigt, das jetzt aufgelöst wird.
„Zu beiden Personen laufen noch Recherchen“, sagt Keller über die Liebenden. Weiter geht die Detektivarbeit. „Das Akribische kommt vielleicht daher, dass ich Sternzeichen Jungfrau bin“, sagt er und lacht. 1946 auf der Flucht geboren, kamen Kellers Eltern als Donauschwaben mit fünf Kindern nach Bayern. „Sie haben den Verlust ihrer Heimat nie verkraftet“, sagt er. Ihre Traurigkeit machte ihn neugierig auf seine Wurzeln – und die Geschichte seiner neuen Heimat. „Heimatkunde besteht nicht nur aus Daten. Das sind bewegende Lebensgeschichten – und sie lebendig zu halten, ist meine größte Freude.“