DAS PORTRÄT

Die 94-jährige Kino-Besitzerin

von Redaktion

Ingeborg Dietel aus Kempten. © Claudia Benz

Die vielen Treppen hoch zu den Kinosälen sind Ingeborg Dietels tägliches Sportprogramm. Sie schaut nach dem Rechten, dann setzt sie sich auf einen Platz in einem der sieben Kinosäle im Colosseum Center in Kempten. Und das schon seit 59 Jahren. Mittlerweile führen ihre Tochter Andrea und ihre Enkelin Pia das Kino. Doch auch mit 94 Jahren kommt Ingeborg Dietel noch jeden Tag vorbei. Ihr Kino ist ihre Leidenschaft. Durchs Kino könne man dem Alltag entfliehen, sagt sie. Außerdem liebt sie es, unter Menschen zu sein.

Im Laufe ihres Lebens hat Dietel bestimmt tausend Filme gesehen. Nicht alle bis zum Ende. Aber zumindest immer so lange, bis sie sicher war, dass Ton und Technik reibungslos funktionieren. Hin und wieder kommt es vor, dass die Senior-Chefin zehn Euro Trinkgeld in die Hand gedrückt bekommt – als „beste Platzanweiserin der Welt“. Doch Plätze anweisen, an der Kasse sitzen – das ist schon lange nicht mehr ihre Aufgabe. Auch die Finanzen haben mittlerweile andere übernommen. Aber es gibt einige Stammkunden, die sich darauf freuen, sie im Kino zu treffen. „Sie sind mich ja auch gewohnt im Kino“, sagt sie. Mit ihrem Mann Lothar hat sie das Filmtheater 1967 von Onkel und Tante übernommen und über Jahrzehnte den Wandel der Filmtheater durch Fernsehen, Videotheken und Streaming-Dienste miterlebt. Ingeborg Dietel kennt alle Epochen – und die beliebtesten Filme: von „Schwarzwaldmädel“ in der Nachkriegszeit, über Western bis zu den großen Filmlieblingen wie „Winnetou“, „Dschungelbuch“ oder den Superhelden-Filmen. Nie vergessen hat sie ihren ersten Kinofilm: „Charlie Brown und seine Freunde“.

Aber werden Kinos überleben? „Oh ja“, sagt Ingeborg Dietel, und ihre Tochter stimmt zu: „Kino ist immer noch ein Ort, an dem man sich vom Stress des Alltags erholen kann.“ Für die 94-Jährige, die nach dem Tod ihres Mannes vor neun Jahren erst allein und dann mit ihrer Tochter das Colosseum führte, ist Kino immer noch jeden Tag ein Erlebnis. Auch, weil sie dort Besucher erlebt, die ihr ganz persönliche Dinge erzählen. „Ich liebe Menschen“, sagt sie. „Und das hält mich fit.“ CLAUDIA BENZ

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