Der Vogelforscher: Dominik Richter. © dw
Grauer Hals, roter Kopf: das Rebhuhn, der Vogel des Jahres 2026. © Josef Limberger
Garching – Es dämmert schon. Schwere Regenwolken hängen über dem Flughafen-Einzugsgebiet. Auf der nahen Freisinger Landstraße rauscht der Verkehr. Schwärme von Saatkrähen bevölkern einen Strommast, der mitten auf einem kahlen Acker verankert ist. Dominik Richter, dunkle Cargohose, regendichte Jacke, Schal gegen den Wind, hat den Ortsrand des Garchinger Forschungszentrums verlassen und schreitet jetzt mit großen Schritten auf einem Feldweg in Richtung eines umgepflügten Ackers. Der 27-Jährige ist Vogelforscher aus Passion. Im Auftrag des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) sucht er auf dem eintönigen Gelände nach dem Vogel des Jahres 2026: dem Rebhuhn, genauer gesagt: nach dem männlichen Exemplar, dem Rebhahn.
Rebhahn und Rebhuhn – hier? Auf diesem Acker, links die Straße, rechts ein Feldweg, in Sichtweite schon der nächste Ort, Dietersheim. Ja, sagt Richter. Hier fühlt sich das Rebhuhn wohl. Er weiß das aus mehrjährigen Begehungen. Am liebsten ist dem Rebhuhn eine hohe, überständige Vegetation, etwa hohe Wiesengrasbüschel, in denen es sich verbergen kann.
Ein Lockruf wie das Knarzen einer rostigen Türangel
So ein Rebhuhn lebt in Garching eigentlich unter ständiger Lebensgefahr. Autobahn, Landstraße, Spaziergänger mit Hunden – ständig ist was. Zu nah am Waldrand darf es sich auch nicht aufhalten, denn da droht Gefahr durch den Fuchs. Und durch den Menschen. Denn der Vogel des Jahres darf in Bayern geschossen werden. In der letzten Jagdsaison wurden 580 Rebhühner in Bayern erlegt. „580“, sagt Richter, „das ist schon eine Menge“. Für ihn gibt es keinen Grund, Rebhühner zu jagen. Die Art ist stark gefährdet. Von 1998 bis 2022 sank der Bestand in Deutschland um 66 Prozent. Das Rebhuhn gehört zu den am 20 Arten, deren Zahl am stärksten zurückgeht.
Immer wieder schaut Richter mit dem Fernglas auf den steinigen Acker, in der Hoffnung, ein Rebhuhn zu sehen. Doch die Vogelforscher verlassen sich nicht auf zufällige Sichtungen, sie haben ihre eigene Methode entwickelt. Richter blickt auf die Uhr. Es ist zehn vor sechs, Sonnenuntergang, die Jagd kann beginnen. Es ist natürlich keine Jagd im Wortsinn. Richter zückt sein Handy, verbindet es via Bluetooth mit einem kleinen Lautsprecher und spielt einen Rebhahnruf ab – achtmal ertönt ein „Keereck“, ein Laut, den man schlecht beschreiben kann. Auf Wikipedia heißt es, der Ruf lasse sich auch mit dem Knarzen einer rostigen Türangel vergleichen. Nun gut, wir wollen dem Rebhahn nicht Unrecht tun – für seine Artgenossen ist der Ruf jedenfalls so attraktiv, dass ein Rebhahn dem (vermeintlichen) Konkurrenten sofort mit „Keereck“ antworten würde.
Das ist die Idee hinter dem Forschungsprojekt. Ein Rebhuhn-Forscher benötigt weniger ein gutes Auge – sondern ein gutes Gehör. Langsam schreitet Richter das Ackergelände ab. Alle 200 Meter bleibt er stehen und entlässt den Rebhuhn-Gesang in die jetzt rasch einsetzende Dunkelheit. Da, man hört was. „Das ist ein Fasan“, sagt Richter. Kein Rebhuhn. An diesem Abend hat Richter keinen Erfolg. Das ist merkwürdig, denn in den Vorjahren hatte er hier einmal fünf, einmal drei Exemplare registriert.
Richter bleibt nichts anderes übrig, als eine Null in seinem Erfassungsbericht einzutragen. Seit 2022 gibt es ein deutschlandweites Netzwerk von mehr als 1000 Freiwilligen. Es gibt mehrere tausend, je ein bis 1,5 Kilometer lange feste Routen, die jedes Jahr von ehrenamtlichen Vogelartenkennern abgelaufen werden. Avifaunisten nennen sie sich. Richter ist einer dieser Experten. Er hat in Freising-Weihenstephan Landschaftsplanung studiert und kam über die LBV-Hochschulgruppe ins Monitoring-Team. Die Spezialisten wünschen sich, dass die Landwirte auf Rebhühner achten, mehrjährige Blühstreifen anlegen oder wenigstens breite verkrautete Ackerrandstreifen stehen lassen und möglichst spät oder gar nicht mähen.
Zwei Tage später ein neuer Versuch, wieder bei Garching, ein Stück weit entfernt von der ersten Route. In einem niemals endenden Strom brandet der Verkehr auf der nahen Autobahn A9. Hinten sieht man die Lichter des Forschungszentrums, der TU-Werbepylon leuchtet in krassem Blau. Feldlerchen zwitschern. Zwei Dutzend Rehe äsen auf dem freien Feld, auf dem Dominik Richter erneut auf Rebhuhn-Suche geht. Wieder und wieder ertönt das „Keereck“ aus dem Lautsprecher – und tatsächlich: Ein Rebhahn antwortet. Sein „Keereck“ hört man in der Dämmerung. Das Tier ist nicht zu sehen. Aber immerhin: ein Fund. Im Vorjahr waren es auf dieser Route allerdings vier.
Dass auf den beiden Routen bei Garching nur ein Rebhahn gefunden wurde, ist für sich genommen nicht tragisch. Es kann purer Zufall sein. Alarmierend wäre es nur, wenn sich das bei vielen Begehungen in Bayern wiederholen würde. Im Mai wird man es genauer wissen – dann gibt es den Gesamtbericht zum Rebhuhn-Monitoring 2026.DIRK WALTER