Der erste Klettersteig mit 13 Jahren: Die Steinbergers auf dem Gipfel der Zugspitze.
Tim Steinberger ist erst 17 und hat schon 53 Viertausender erklommen. Zusammen mit seinem Vater Tobias wagt der Freiburger Gymnasiast einen Rekordversuch: Als jüngster Alpinist aller Zeiten will er alle 82 Berge über 4000 Meter in Europa erobern. Und sein Vater wäre der erste Diabetiker weltweit, der das schafft. Ein Gespräch über einen ganz besonderen Familienzusammenhalt und Notsituationen am Berg.
Tim, du willst als jüngster Alpinist alle 4000er-Gipfel der Alpen besteigen. Warum?
Ich klettere schon länger, aber seit drei, vier Jahren intensiver. Mein Vater hat mit meinem Onkel den Mont Blanc bestiegen, das fand ich gut. Also habe ich angefangen, mehr zu trainieren. Erst haben mein Vater und ich ein paar Viertausender gemacht, auch den Mont Blanc. Nach dem zehnten Berg haben wir gemerkt, dass die anderen am Berg immer mindestens 25 sind. Ich habe erst einmal jemanden getroffen, der ungefähr gleich alt war wie ich. Und so entstand die Idee mit dem Rekordversuch.
Deinen ersten Klettersteig hast du auf der Zugspitze gemacht – mit 13. Welche Erinnerung hast du daran?
Wir haben auf der Höllentalangerhütte übernachtet. Wir haben gut gegessen und die Buttermilch hat unglaublich gut geschmeckt. Daran denke ich oft. Es war anstrengend, aber eine echt schöne Tour.
Wie unterscheidet sich die Tour auf einen 4000er von einem 2000er oder 3000er?
Die Luft ist viel dünner, dadurch wird jeder Schritt viel anstrengender. Und auf einem Viertausender ist immer Eis, das ist schwieriger zu klettern. Aber man darf auch die Zugspitze nicht unterschätzen.
Wie bereitest du dich auf eine Tour vor?
Ich mache fast jeden Tag Sport. Ich gehe joggen, fahre gern Mountainbike, mache Parkour. Der gepackte Rucksack mit der Ausrüstung steht immer bereit. Wenn die Bedingungen gut sind, gehen wir jedes Wochenende in die Berge.
Was ist dein Lieblingsberg?
Die beste Tour war die zur Nordwand der Lenzspitze, das ist ein Viertausender in den Walliser Alpen. An dieser Wand sind wir schon öfter vorbeigekommen, da geht es einfach senkrecht hoch. Dort waren wir zwei Tage unterwegs, bis in die Nacht hinein. Das war extrem anstrengend, aber auch sehr, sehr cool. Ich war stolz, dass ich die Wand geschafft habe.
Du gehst aufs Gymnasium. Wie kriegst du das unter einen Hut, am Montag Schulaufgabe zu schreiben, aber am Wochenende in den Bergen zu sein?
Ich lerne meistens schon vor dem Wochenende. Aber Vokabeln pauken kann man auch auf dem Handy, ich nehme oft was mit auf den Berg zum Lernen. Das klappt gut, von meinen Lehrern bekomme ich positives Feedback.
Dein Vater ist immer an deiner Seite. Er hat ja auch eine besondere Mission…
Sein Ziel ist es auch, alle Viertausender zu besteigen. Er hat seit 35 Jahren Diabetes Typ 1 und wäre der erste Diabetiker, der das schafft. Mein Vater ist sehr fit, er macht mehr Sport als ich. Er will damit auch zeigen, dass auch mit der Krankheit alles möglich ist, wenn man sich gut vorbereitet.
Was heißt das für euch?
Auch ich habe immer Insulin in der Tasche, ich weiß, was im Notfall zu tun wäre. Und wir achten genau darauf, was am Berg kräftemäßig geht und was nicht. Bei der Jungfrau im Berner Oberland, das ist eigentlich kein extrem schwieriger Berg, mussten wir mehrmals wegen gefährlicher Bedingungen umdrehen, weil klar war, wir müssten ein zu großes Risiko eingehen. Aber so ist das nun mal. Sicherheit geht vor.
Wie ist das, wenn man mit seinem Vater in Extremsituationen unterwegs ist?
Das stärkt unsere Bindung sehr. Wenn wir in den Bergen sind, ist er mehr mein Seilpartner als mein Vater. Und wenn einer sagt, das passt nicht, drehen wir ohne Diskussion um.
Seid ihr mal in eine gefährliche Situation geraten?
Wir selbst nicht. Aber wir sind am Matterhorn mal über den Hörnligrat gestiegen. Übernachtet haben wir in der Hörnlihütte. Da kam ein völlig erschöpfter Italiener an. Sein Seilpartner war noch unten, er hatte keine Kraft mehr. Wir haben die Rettung gerufen, sind mit zwei Franzosen, einer Ärztin und einem Bergführer abgestiegen und haben ihn hochgezogen. Ich habe Respekt vor den Bergen, die Gefahr darf man nicht ausblenden. Wenn ich auf einem Grat laufe und rechts und links geht‘s 1000 Meter runter, wird mir schon mulmig.
Hast du ein Gipfelritual?
Ich umarme meinen Vater. Es ist ein sensationelles Gefühl, wenn man oben ist. Aber dann merkt man, oh, jetzt muss ich alles wieder zurück.