Per Plakat wurde eine Belohnung ausgelobt. Zum Vergleich: Ein Pfund Butter kostete damals 50 Mark. © Bay. HSTA
Der Hof von Hinterkaifeck wurde später abgerissen. Heute ist dort ein Gedenkort. © MM-Archiv (2)
In dieser Kammer wurde die tote Magd gefunden. Sie war wahrscheinlich ein Zufallsopfer.
München – Oft erzählt, geheimnisumrankt, nie aufgeklärt – das ist der Sechsfach-Mord von Hinterkaifeck. In der Nacht vom 31. März auf 1. April 1922 starben auf einem abgelegenen Austragshof nahe des Dorfes Gröbern im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen sechs Menschen – grausam erschlagen mit einer Reuthaue, einer Art Beil. Nun hat die angehende Archivarin Elena Hiemer (25) den Fall für ihre Diplomarbeit neu aufgerollt – mit einer kleinen Ausstellung und einem 40-seitigen Geheft, in dem der Fall dargestellt wird. „Ich komme aus Ingolstadt, daher war mir der Mordfall bekannt“, sagt Hiemer. Aktenmaterial fand sie im benachbarten Staatsarchiv. „Pol. Dir. 8091b“, so die archivalische Abkürzung für die Akte der Polizeidirektion München, „ist ein Schlager, der immer wieder neu bearbeitet wird“, sagt Archivdirektor Christoph Bachmann.
Im ersten Stock des Bayerischen Hauptstaatsarchivs an der Schönfeldstraße sind die Ausstellungsstücke in zwei Vitrinen zu sehen. In der ersten sind Tatortfotos und Ansichten des damaligen Hofes zu sehen. In der zweiten steht die Ermittlungsarbeit der Polizei im Mittelpunkt. Die war aus heutiger Sicht dilettantisch, aber man muss die Zeitumstände berücksichtigen – die Mordermittler hatte anfangs noch nicht einmal ein Auto. Als sie ankamen, waren viele Spuren durch Schaulustige schon zerstört. Immerhin wurden über die Jahre gut 100 Ermittlungsverfahren angestrengt, schreibt Hiemer in ihrem kleinen Ausstellungskatalog. Zu sehen ist zum Beispiel das Polizeiprotokoll über die Befragung einer gewissen „Traudl“ – eine angebliche Hellseherin, die von einem Ermittler in den 1920er-Jahren aufgesucht wurde. Er reiste mit den sechs Schädeldecken der Opfer per Zug nach Nürnberg und erhoffte sich neue Erkenntnisse. Natürlich konnte „Traudl“ nichts beisteuern. Eine andere Spur waren ehemalige Häftlinge, die kurz vor dem Mordzeitpunkt aus einer nahen Strafanstalt entlassen worden waren – in der Vitrine ist eine handschriftliche Namensliste zu sehen. Und natürlich werden auch die damaligen Hauptverdächtigen erwähnt: der Landwirt und Nachbar Lorenz Schlittenbauer, der ein Verhältnis mit der gleichfalls erschlagenen Viktoria Gabriel und oft Streit mit dem Altbauer Andreas Gruber (Viktorias Vater) hatte; sowie Karl Gabriel, der im Ersten Weltkrieg gefallene Ehemann von Viktoria – war er gar nicht tot, sondern als Kriegsheimkehrer wieder nach Hinterkaifeck gekommen?
Schon Ende der 1970er-Jahre schilderte der „tz“-Journalist Peter Leuschner den Mordfall erstmals umfassend in einem Buch. Seitdem gibt es immer wieder Arbeiten dazu, teils mythisch verklärt, oft von Hobbyforschern raunend weitergetragen. Es ist ein „Mystery Crime“, ein „Cold Case“, der bis heute fasziniert. Auch Elena Hiemer hat sich eine ganz persönliche Meinung über den mutmaßlichen Mörder gebildet. „Das verrate ich aber nicht, damit jeder selber rätseln kann.“DIRK WALTER
Die Ausstellung
„Der sechsfache Mord in Hinterkaifeck“: Zu sehen bis 10. April, Hauptstaatsarchiv München, Schönfeldstraße 5, Mo-Do 8.30-18 Uhr, Fr 8.30-13.30 Uhr.