PFLEGESERIE

„Ich kämpfe für meinen Sohn“

von Redaktion

Diagnose Hirntumor: Wie Sabine Gottschalk als Mutter die Komplett-Versorgung meistert

Sabine Gottschalk sorgt für ihren Sohn Christoph – Tag und Nacht. © privat

Olching – Das Datum weiß Sabine Gottschalk noch heute auswendig. Auf Anhieb. Der 6. Februar 2013 veränderte alles. An diesem Tag bekam ihr damals zwölfjähriger Sohn die Diagnose Gehirntumor. Die Krankheit traf die ganze Familie unvermittelt bis ins Mark. Es folgte eine monatelange Tortur von Behandlungen, Krankenhausaufenthalten, Untersuchungen, Hoffen und Bangen.

Heute ist Christoph Gottschalk krebsfrei, doch die Auswirkungen der harten Chemotherapie spürt der 25-Jährige noch immer – jeden Tag. Seine Sehkraft wird schwächer, seine Beweglichkeit eingeschränkter, sein Gehör schlechter, seine Entwicklung ist verzögert. Und Sabine Gottschalk ist seit diesem Februartag im Jahr 2013 nicht mehr nur noch Mutter, sondern auch pflegende Angehörige.

Anfänglich war die Zuversicht noch groß, dass Christoph bald wieder in sein altes Leben zurückkehren kann, wieder zur Schule gehen, Hockey spielen, Ski fahren kann. „Wir haben wirklich alles gemacht, was in unserer Macht steht“, erinnert sich Sabine Gottschalk. Reha, Laufbandtraining, doch irgendwann in den letzten vier Jahren kommt die schmerzhafte Erkenntnis: Den eigenen Sohn rund um die Uhr pflegen, das ist jetzt der Alltag der Familie Gottschalk.

Zeitlich geht das nur, weil Bernd Gottschalk selbstständig einen Computer-Laden in Olching (Landkreis Fürstenfeldbruck) betreibt und Sabine Gottschalk zweimal die Woche je drei Stunden beim Geflügelhof im Ort arbeitet. Wenn Christoph tagsüber in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung geht, kümmert sich Sabine Gottschalk um alles Organisatorische: Arzttermine, Anträge zur finanziellen Unterstützung und zuletzt auch um einen Platz in einer Pflegeeinrichtung. Mittlerweile hat sie acht dicke Ordner angelegt für die ganze Bürokratie, die bei einem Pflegefall anfällt. „Man merkt einfach: Die Kraft geht einem aus“, sagt die 53-Jährige. „Weil man alles alleine stemmen muss.“

Ein Gefühl, mit dem Gottschalk nicht allein ist. Laut dem Sozialverband VdK Bayern kamen im Jahr 2023 auf die insgesamt 519.967 zu Hause lebenden Pflegebedürftigen im Freistaat rund 1,04 Millionen pflegende Angehörige. Ohne die Familie geht es oft nicht. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) nennt die pflegenden Angehörigen „eine elementare Säule unseres Pflegesystems“. Neue Zahlen gehen mittlerweile von 630.000 pflegebedürftigen Menschen aus – etwa 83 Prozent werden zu Hause betreut und versorgt.

Einen passenden Pflegeplatz zu finden und dann auch noch finanzieren zu können, kostet alle Beteiligten Kraft. Für die Familie Gottschalk geht es dabei noch um mehr: Schließlich wird Christoph noch deutlich länger als die durchschnittlichen 25 Monate in einer Pflegeeinrichtung bleiben.

Der Wunsch nach Gleichgesinnten ist groß. „Ich kann ihn ja nicht in ein Altenheim geben“, sagt Gottschalk. Doch da wird die Auswahl schon kleiner. Laut VdK sind mehr als acht von zehn Empfängern von Leistungen der Pflegeversicherung 65 Jahre oder älter. Fast 100 Prozent der jungen Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. „Die pflegenden Eltern dürfen aber nicht vergessen werden“, fordert der Sozialverband. „Denn es ist für sie sehr schwierig, passende Unterstützung zu finden, weil viele Angebote nicht auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe ausgerichtet sind.“

Benachteiligungen, die die Familie in ihrem Alltag erfährt: Wenn „wir komisch angeschaut werden, weil wir auf dem Behindertenparkplatz parken und es nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, dass Christoph eingeschränkt ist“, sagt Gottschalk. Aber die Mutter kämpft – um mehr Sichtbarkeit, um mehr Verständnis. „Ich kämpfe für meinen Sohn.“

Und der Kampf geht weiter: Seit rund drei Jahren suchen die Gottschalks schon nach einer passenden Unterkunft für Christoph. Immerhin: Im April kann er im Rahmen einer Kurzzeitpflege eine Einrichtung näher kennenlernen. Vielleicht kann er bleiben und die Familie wieder Luft holen. „Wir haben ja auch noch Träume und Wünsche“, sagt Sabine Gottschalk. Träume und Wünsche, die in den vergangenen 13 Jahren hintenanstehen mussten.LEONIE HUDELMAIER

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