Mit der Nachtsichtbrille sieht Hahnl nur Schwarz-Weiß.
Pilotin Stefanie Hahnl fliegt den Rettungshubschrauber Christoph München. © Privat (3)
München – Stefanie Hahnl ist ein fliegender Engel. Als Pilotin der DRF Luftrettung transportiert sie im Hubschrauber Christoph München vom Standort Großhadern aus jeden Tag Schwerverletzte und Kranke. Am heutigen Tag der Luftretter spricht die 50-Jährige über Sonnen- und Schattenseiten ihres Berufs – und die große Liebe zum Abheben.
Frau Hahnl, Sie kommen gerade aus der Nachtschicht. Wie findet sich ein Pilot am dunklen Himmel zurecht?
Mit Nachtsichtbrille ist unser Sichtfeld auf 42 Grad begrenzt. Wir sehen Schwarz-Weiß und 2-D, sodass Geschwindigkeiten schwerer einzuschätzen sind. Die Brille als Restlichtverstärker ist aber eine enorme Hilfe. Je schöner Mond und Sterne oder Lichter am Boden leuchten, desto schärfer sieht man. Düsterer wird’s in den Bergen, wo vielleicht Wolken hängen.
Was passiert dann?
Wir Piloten von Christoph München arbeiten im 24-Stunden-Betrieb und besitzen die sogenannte Instrumentenflugberechtigung. Das heißt, wir dürfen auch bei schlechtem Wetter und durch Wolken fliegen. Normalerweise fliegen wir nach Sichtflugbedingungen, in der Wolke aber müssen wir immer in Kontakt mit der Flugsicherung bleiben. Die Fluglotsen verfolgen den Helikopter auf dem Radar und teilen mit Blick auf andere Flugverkehrsteilnehmer Höhe und Strecke zu.
Wann brechen Sie den Flug ab – oder heben gar nicht erst ab?
Das Wetter ist der unsicherste Faktor. In den Bergen kann es sich schnell ändern. Ein einzelnes Gewitter kann umflogen werden. Bei einer Gewitterfront, Sturm oder Schneeschauer fliegen wir nicht oder legen eine Sicherheitslandung ein. Im Cockpit des Typs Airbus H145 ist alles über Bildschirme geregelt, als Kapitän trägt man dennoch Verantwortung für alle Menschen an Bord. Bei Einsätzen in den Bergen muss man sich genau wie beim Krankentransport fragen, ob der Flug Sinn macht, obwohl der Hubschrauber für einen Intensivpatienten mit Schlaganfall oder ein intubiertes Neugeborenes meist die beste Lösung ist.
Hightech und starke Nerven. Was braucht ein guter Rettungspilot noch?
Dass man schnell Entscheidungen treffen kann. Wir wissen bei Dienstantritt nie, was uns erwartet. Kommt die Alarmierung in der Luft rein, muss ich mit Blick auf Wetter, Strecke zum Einsatzort, Tankfüllung und in Absprache mit dem medizinischen Team sofort reagieren. Eine 700-Liter-Tankfüllung reicht bei 220 Kilometern pro Stunde für eine Strecke von gut 500 Kilometern. In Sachen Fliegerei hilft einem Erfahrung. In der Rettung kommt noch dazu, dass ich nachts und bei jedem Wetter fliegen und überall landen können muss.
Sie retten täglich Leben. Welche Fälle bleiben im Gedächtnis?
Einsätze mit kleinen Kindern muss ich als Mutter immer länger verarbeiten. Nach einem Verkehrsunfall haben wir mal ein Kleinkind unter Reanimation ins Krankenhaus geflogen: So unschuldige Patienten bleiben dem Team im Kopf. Oft erfahren wir ja nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Immer mal wieder melden sich Menschen aber hinterher. Ein schönes Gefühl, das in Fällen tröstet, in denen man nicht helfen konnte.
An die 150.000 Euro kostet die Ausbildung zum Berufspiloten. Wie sind Sie zum Fliegen gekommen?
Als mein Mann mit dem Snowboard am Großglockner verunglückt ist, hat der Rettungshubschrauber uns beide in die Klinik geflogen. Ich war damals unglaublich dankbar für diese schnelle, lebensrettende Hilfe und absolut fasziniert. Einige Jahre später habe ich in Augsburg meinen Privatpilotenschein gemacht. Anschließend sind wir mit unseren Zwillingen in die USA ausgewandert, wo die Ausbildung zum Berufspiloten und das Flugstundensammeln günstiger sind.
Dann waren Sie sozusagen Quereinsteigerin?
Damals haben uns viele für verrückt erklärt. Ich war eine junge Mutter und hatte einen privaten Kindergarten und Hort geführt. Aber wenn man einen Traum hat, sollte man ihn verfolgen, bevor man es sein Leben lang bereut. Ich bin ein Glückskind, weil der Rückhalt von Familie und Freunden immer da war. Fünf Jahre haben wir in Seattle gelebt, wo ich als Berufspilotin mit Instrumentenflugberechtigung als Fluglehrerin gearbeitet habe. Ich bin bis heute froh, den Schritt gewagt zu haben – und mit der Fliegerei inzwischen auch noch Gutes tun zu können.
Fliegen ist nach wie vor eine Männerdomäne. Eine Frau im Cockpit schmeckt nicht jedem, oder?
Als ich 2019 bei der DRF Luftrettung anfing, waren von knapp 200 Piloten drei weiblich. Inzwischen sind wir acht Pilotinnen von bundesweit 240 Piloten. Bei der DRF läuft alles sehr professionell, aber natürlich bin ich in meiner Laufbahn schon auf Menschen getroffen, für die es sehr gewöhnungsbedürftig war, dass eine Frau im Cockpit sitzt. Da muss man sich eben mit Kompetenz durchboxen. In den USA etwa gibt es mehr Pilotinnen, und hier steigt die Tendenz jetzt ja auch.