Eine Schicht mit Schwester Maria

von Redaktion

Medikamente vorbereiten, Maria Graf. © Rainer Lehmann

Zu Grafs Aufgaben gehört viel Dokumentation.

Für ein Lächeln nimmt sich Maria Graf immer Zeit. Sie liebt die kurzen Momente des Plauderns mit den Heimbewohnern.

Erding – Maria Graf betritt Zimmer 106 mit Blutdruckmessgerät, Diabetes-Spritze und einem Lächeln. „Guten Morgen, Herr Kreutzer. Haben Sie gut geschlafen?“ Herr Kreutzer sitzt auf seinem Bett, kämpft gerade mit seinem Hörgerät. Muss er nun nicht mehr, Schwester Maria ist ja jetzt da und hilft. „Dann bahnen wir uns mal einen Weg“, sagt sie, während sie das Blutdruckmessgerät anlegt. Die Werte sind gut. Herr Kreutzer hatte eine gute Nacht und hat jetzt gute Laune – nicht hinter jeder Tür geht es so unkompliziert zu. „Frühstück kommt gleich“, ruft Maria Graf ihm zu, bevor sie an die nächste Tür klopft.

Die 40-Jährige ist an diesem Tag Schichtleitung. Sie ist die einzige Fachpflegekraft auf dieser Station im Heiliggeist-Stift in Erding. Unterstützt wird sie von vier Pflegehelfern. Es ist die größte und anspruchsvollste Station im Haus – viele der Bewohner leiden an Demenz, fast alle haben einen hohen Pflegegrad und brauchen viel Unterstützung. Von den insgesamt 33 Betten sind vier nicht belegt – weil die Senioren ins Krankenhaus mussten. Dafür sind zwei Senioren zur Kurzzeitpflege auf Station. Es wird ein arbeitsreicher Tag für Maria Graf und ihre Kollegen. Und wie immer ein unplanbarer.

Sie ist mit ihrem Medikamenten-Tablett auf dem Weg von Zimmer zu Zimmer, als sie von einem Kollegen um Hilfe gebeten wird. Eine 96-jährige Bewohnerin hat Blut erbrochen. Die Tabletten-Ausgabe muss warten, Maria Graf eilt ins Zimmer von Frau Schober. Die alte Dame ist dement, hat Angst, möchte nicht allein sein. Aber Maria Graf weiß auch: Dieses Problem ist zu groß für sie und ihre Kollegen. Die Seniorin muss ins Krankenhaus. Graf bestellt einen Krankenwagen.

Es ist schon das zweite Mal, dass an diesem Morgen eine Bewohnerin abgeholt werden muss. Frau Tillich ist nachts gestürzt. Graf hatte den Krankentransport noch wegfahren sehen, als sie morgens zum Dienst kam. Sie will gerade mit der Medikamentenverteilung weitermachen, als ein Sanitäter vor ihr steht. Frau Tillich geht es wieder gut, sie wurde ins Heim zurückgebracht. Sie ist erschöpft von der ganzen Aufregung. Maria Graf begleitet sie mit den Rettungskräften ins Zimmer, nimmt sich kurz Zeit. Dann muss sie wieder zu Frau Schober – der Rettungsdienst wird gleich da sein.

Während die Pflegehelfer die Bewohner waschen, anziehen und das Frühstück verteilen, kommt Maria Graf mit ihrem Medikamenten-Tablett nur langsam voran. Ständig klingelt das Telefon in ihrer Tasche. Die IT-Abteilung ist dran, ein Software-Update ist fällig, alle Computer müssen für den Rest des Tages runtergefahren werden. Eine richtig schlechte Nachricht. Denn Graf muss alles dokumentieren, was auf der Station passiert. Die Bewohnerdaten inklusive Medikamenten-Verordnungen sind zwar auch ausgedruckt in Ordnern abgeheftet – aber es ist mühsam, dort alles nachzuschauen. Und es kostet viel mehr Zeit. An Tagen wie diesem kommt Maria Graf mit der Dokumentation ohnehin kaum hinterher. Jetzt muss sie das alles handschriftlich machen und morgen nachtragen. Auf dem Tisch im Schwesternzimmer liegt schon ein kleiner Berg mit Notizzetteln. Alles Dinge, die sie nicht vergessen darf.

Es ist mittlerweile kurz nach elf. Bald kommt das Mittagessen. Einige Bewohner brauchen vorher noch eine Diabetes-Spritze, andere ihre Tabletten. Die Medikamente vorbereiten darf nur eine Pflegefachkraft. Während Graf Tabletten in Becher sortiert, läuft am Telefon die Warteschleife. Sie kommt bei der Arztpraxis von Frau Zobel nicht durch. Die Seniorin ist nach einem Klinikaufenthalt zurück im Heim. „Oft haben die Ärzte dann andere Medikamente verordnet“, erklärt sie. Darüber muss sie die Hausärzte informieren. Und dann die Apotheke, die das Heim beliefert. Es ist schon die dritte Praxis heute, bei der sie nicht durchkommt. Am dringendsten wäre es bei der Ärztin von Frau Albert. Die Seniorin kann nicht auf die Toilette. Sie hat Schmerzen und um ein Abführmittel gebeten. Maria Graf darf das Medikament aber nicht ohne Rücksprache mit Frau Alberts Ärztin geben. Die Praxis bittet sie, später noch mal anzurufen. Wieder ein roter Notizzettel.

Hätte sich heute Morgen jemand aus dem Team krankgemeldet, wäre Maria Grafs Tag noch anstrengender geworden. Dann hätte sie die Pflegehelfer unterstützen müssen, es wäre noch mehr liegen geblieben. Aber sie hätte trotzdem für jeden Bewohner ein Lächeln gehabt. Graf ist seit fast 21 Jahren Altenpflegerin – sie liebt ihren Beruf. Vor allem die Momente, wenn sie Zeit hat, sich an ein Bett zu setzen. „Die Senioren erzählen gern von früher.“ Wenn Graf eine Weile zuhört, greifen sie nach ihrer Hand – ein stilles Danke. Für solche innigen Momente nimmt sie all das Dokumentieren und den alltäglichen Stress gerne in Kauf.

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