Der mühsame Aufstieg zur Weltmarke

von Redaktion

100 Jahre Lufthansa: Der Beginn war holprig – ohne den Staat hätte die DLH nicht überlebt

1929 flog die „Luft Hansa“ nach Rügen oder Sylt.

Ihren Geburtstag feiert die Lufthansa auch mit einer Sonderlackierung, hier eine Boeing 787-9.

Die erste Maschine startete 1926 in Berlin-Tempelhof Richtung Köln und Zürich. © Archiv Lufthansa (4)

Fliegen war lange Luxus: Hier der Senator-Service in einer Lufthansa-Boeing 707 (um 1965).

München – Ein Weltkonzern wird 100. Am Montag wird das Lufthansa-Jubiläum am Flughafen München mit einem Festakt gefeiert. Die Airline ist heute, nach drei Amerikanern, die viertgrößte der Welt. Der Aufstieg war aber von Höhen und Tiefen, von Bruchlandungen und Beinahe-Crashs gekennzeichnet, zeigt ein neues Buch.

Der Urknall für die Lufthansa fiel mitten im Ersten Weltkrieg. 1917 wurde die Deutsche Luft Reederei gegründet, die zwei Doppeldecker besaß und schon damals den Kranich als Firmenlogo verwendete – das war der Startschuss der kommerziellen Luftfahrt in Deutschland. In raschen Etappen ging es weiter: Im Mai 1919 gab es in Deutschland 14 Luftfahrtunternehmen, die meisten gingen rasch pleite.

Am 6. April 1926 ging es los

Nicht so die 1926 aus der Taufe gehobene Deutsche Luft Hansa AG: Am 6. April 1926 hoben die ersten beiden Maschinen von Berlin Tempelhof aus Richtung Köln und Zürich ab. Auch in München ging es im selben Jahr los. Es war der Beginn einer Ära. Schon im Mai gab es ab Berlin einen Linienverkehr nach Paris. Von München aus gab es Alpenflüge. Eine Streckennetzkarte von 1926 verzeichnet ab München Flüge nach Innsbruck, Reichenhall, Stuttgart, Fürth, Halle, Zürich und Wien. Das deutsche Liniennetz wuchs schnell auf 72 Ziele an. 1931 startete ein Personenluftverkehr München–Mailand–Rom, den es ab 1928 schon als Frachtverbindung gab. Trotzdem war Fliegen eher ein Nischenprodukt: Im ersten Jahr zählte die DLH 56.000 Passagiere, 1932 waren es erst gut 86.000.

Trotzdem: Piloten waren Helden, an denen sich eine von der Weltkriegsniederlage und der Nachkriegsnot gefrustete Nation in den 1920er- und 1930er-Jahren wieder aufrichtete. Weniger der Alltagsverkehr stach heraus, sondern einzelne fliegerische Spitzenleistungen. Schon Ende Juli 1926 starteten zwei Junkers-Maschinen Richtung Peking. Es dauerte einen Monat, ehe sie dort ankamen, aber es wurde „als Triumph gefeiert“, schreibt Manfred Grieger, einer der drei Historiker, die die fast 400 Seiten starke, durchaus kritische Lufthansa-Geschichte geschrieben haben. Ein weiteres Beispiel: Hermann Köhl, den wohl kaum jemand noch kennt, gelang im April 1928 mit einer DLH-Maschine der erste Nordatlantikflug von West nach Ost, er startete in Irland und landete auf der kanadischen Labrador-Halbinsel. 1937 gelang wagemutigen Piloten eine (vom NS-Regime gefeierte) Überquerung des Pamir-Gebirges. Die technikbegeisterte Nachkriegsgeneration feierte die Flugzeugtypen, zuvorderst die 1932 in Dienst gestellte legendäre Ju52 – „Tante Ju“ war lange das Rückgrat des DLH-Flugzeugparks.

Trotzdem war es auch ein eher holpriger Start. Anfangs war es nicht sicher, dass sich Flugzeuge als das neue Transportmittel durchsetzen würden – Luftschiffe und schnelle Expressschiffsverbindungen nach Nordamerika, auf die vermögende Hamburger Reeder setzten, waren harte Konkurrenten. Zudem war die Anfangszeit auch durch Unfälle und Bruchlandungen gekennzeichnet. Bezeichnend aber: Flugzeuge wurden nach tödlich verunglückten Piloten benannt, so eine Junkers nach „Erich Pust“, der 1930 auf einem Linienflug bei Dresden abgestürzt war – es gab acht Tote. Ohne millionenschwere Förderung durch den Staat (Grieger spricht von „undurchsichtiger Subventionspraxis“) ist der Aufstieg der DLH in den 1920er-Jahren nicht denkbar, arbeitet der Historiker heraus.

Die Kehrseite dieser Abhängigkeit: Die Luft Hansa sah sich gezwungen, eng mit der Reichswehr zu kooperieren, und verstrickte sich in damals illegale Aufrüstungsabenteuer. Das Unternehmen engagierte sich in der militärischen Pilotenausbildung, erprobte Flugzeuge, Bordinstrumente und den Einbau von Waffen in Zivilmaschinen – „Dual use“, so Grieger treffend, nennt man das heute.

Zwielichtige Rolle von Erhard Milch

Ebenso zweifelhaft: Hitlers propagandistisch ausgeschlachteter Deutschlandflug im April 1932 fand in einer Maschine der DLH statt. Gefördert wurde all das von einem ebenso fähigen wie zwielichtigen Manager: Erhard Milch (1892–1972) war seit 1926 im Vorstand. Kaum waren die Nazis 1933 an der Macht, stieg er zum Staatssekretär im neu gegründeten Reichsluftfahrtministerium auf. Er förderte die Aufrüstung und war in die Ausbeutung von KZ-Häftlingen verstrickt. Nach 1945 büßte er das mit mehrjähriger Haft als Kriegsverbrecher in der Landsberger Haftanstalt. Die Lufthansa konnte erst 1955 (ohne Milch) wieder durchstarten. Der erste Flug am 1. April führte von Hamburg über Düsseldorf/Frankfurt nach München mit einer Convair 340 – der Aufstieg zur Weltmarke begann.DIRK WALTER

Das Buch

Hartmut Berghoff, Manfred Grieger, Jörg Lesczenski: Lufthansa. Die ersten 100 Jahre, Prestel Verlag, 396 S., 48 Euro

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