Der Lockvogel: Felix Haas verkleidete sich als alte Frau, um Schock-Anrufer hereinzulegen. © Merzbach/NEWS5
Ahorntal – Ein 21-jähriger Student hat in dem kleinen Ort Ahorntal bei Coburg eine Betrügerbande aufs Kreuz gelegt – indem er sich als alte Dame verkleidete. Kurz darauf klickten die Handschellen.
Felix Haas wohnt bei seiner Familie in einem Drei-Parteien-Haus. Vorigen Mittwoch klingelte gegen Mittag das Festnetztelefon. „Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, die Nummer des Anrufers war unterdrückt“, sagt der Student. Am anderen Ende sagte ein Mann: „Guten Tag, Frau Haas.“ Er sei Polizist, ihr Sohn habe einen Unfall verursacht, eine Frau sowie ein Kind seien gestorben, ein zweites Kind liege auf der Intensivstation. Felix Haas bemerkte den Schwindel und ging darauf ein. „Ich verstellte meine Stimme, schluchzte und sagte aufgeregt im hohen Ton: ,Ach, Godele!’“ Der Sohn sei in Haft und könne nur durch eine Kaution in Höhe von 100.000 Euro wieder auf freien Fuß kommen, so der Anrufer weiter. „Vier bis fünf Personen haben mit mir gesprochen, einer gab sich als Polizist aus, ein anderer als Kriminalbeamter und einer als Staatsanwalt.“
Als einer der Männer Felix Haas nach dem Geburtsjahr fragte, gab er 1939 an. Dass seine echte Großmutter längst gestorben war, wussten die Betrüger nicht. „Dafür wusste ich, dass mein Papa keinen Unfall gehabt hatte.“ Felix Haas stellte das Telefon auf stumm und rief mit einem zweiten Apparat die Polizei an, die nach einer Dreiviertelstunde mit einer Beamtin und einem Beamten am Haus erschien. „Ich hielt den Kontakt am Telefon am Laufen“, berichtet der Student. Die Anrufer fragten nach Bargeld und Wertsachen, die abgeholt werden könnten. Felix Haas machte sich auf die Suche und kramte eine alte Schürze, Wollsocken, eine Krücke, Pantoffeln und ein Kopftuch heraus, um sich als alte Frau zu verkleiden. Als Goldmünzen sammelte er Fahrradreflektoren und eine wertlose Bernsteinkette ein. Zeitungspapier wurde als Geldscheinbündel verpackt.
Nach zwei Stunden eilte ein Mann den Berg hinauf zum Anwesen. „Eigentlich sollte ich den Stoffbeutel mit den Wertsachen vor der Tür abstellen, aber ich stand damit vor der Tür, als der Abholer kam. Er schnappte sich den Beutel und wollte davonrennen.“ Da hieß es schon: „Halt, Polizei!“ Der Mann wurde festgenommen. Laut Polizei handelte es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 32-jährigen Polen, gegen den Haftbefehl erging.
Die Polizei lobt das couragierte Vorgehen des 21-Jährigen, durch das die Festnahme des Tatverdächtigen möglich wurde. „Was der 21-Jährige hier geleistet hat, war einfach ein beeindruckender Fall: Er hat diese Legende von vorn bis hinten aufrechterhalten und uns die notwendigen Informationen gegeben, damit wir ihn unterstützen konnten. Das hat letztlich zur Festnahme geführt, wofür wir dankbar sind“, so Matthias Potzel, Sprecher der Polizei Oberfranken. Er appelliert: Bei Anrufern, die sich als Staatsanwalt, Polizist oder Bankangestellter ausgeben und nach Vermögenswerten im Haus fragen, sollte man die echte Polizei verständigen – und am besten einfach auflegen. Die Fahndung nach den Hintermännern im Ahorntaler Fall läuft.JOHANNES WELTE