„Die klauen wie die Raben“

von Redaktion

Supermarkt-Betreiber verzweifeln wegen immer mehr Diebstählen

Beim Edeka in Unterhaching setzen sie auf Schließfächer und Taschenkontrollen. Fürs Foto demonstriert das Inhaber Andreas Braun. © Martin Becker

München – Das klingt doch eigentlich gut. Die Zahl der Ladendiebstähle in Bayern ist im vorigen Jahr zurückgegangen, um 5,2 Prozent, was exakt 2114 Fälle sind. So steht es in der aktuellen Kriminalitätsstatistik, die vorige Woche veröffentlicht worden ist. Doch Bernd Ohlmann, Sprecher vom Handelsverband Bayern, kann sich nicht freuen. „Nur einer von zehn Ladendieben wird erwischt“, sagt er. „Die Dunkelziffer ist extrem hoch, die klauen wie die Raben.“ Er berichtet von einer „dramatischen Entwicklung“ und großer Verzweiflung bei Einzelhändlern.

Ein Beispiel dafür ist das, was Andreas Braun kürzlich eingeführt hat. Er ist Inhaber von Edeka Braun in Unterhaching (Kreis München). Am Eingang seines Supermarkts hat er ein Schild aufgestellt. Darauf bittet er seine Kunden, Taschen und Rucksäcke in den Schließfächern einzuschließen. „Andernfalls erklären Sie sich bereit, dass Sie an den Kassen kontrolliert werden dürfen.“ Andreas Braun zufolge hat er bei der Jahresinventur 2025 festgestellt, dass ihm ein sechsstelliger Betrag fehlt – die Ladendiebe werden immer dreister. Sie legen eine Kleinigkeit aufs Kassenband und zahlen vermeintlich ehrlich. Aber der Rucksack ist vollgestopft mit Diebesgut. Andere verstecken geklaute Waren unter der Babydecke im Kinderwagen. „Das ist einfach zu viel, es geht um unsere Existenz.“

5,3 Millionen Euro Schaden ist in Bayern 2025 durch Ladendiebstahl entstanden, heißt es in der Kriminalstatistik. Doch Bernd Ohlmann hat auch hier ganz andere Zahlen, basierend auf den Inventuren der Händler: In Bayern wurden 2025 Waren im Wert von 392 Millionen Euro gestohlen, ein gutes Drittel davon entfällt auf Oberbayern. Dass die Zahlen so weit auseinanderliegen, komme daher, dass die Kriminalitätsstatistik nur die Fälle erfasst, bei denen der Ladendieb erwischt und der Polizei übergeben wurde. Ganz oft passiert das gar nicht mehr, sagt Ohlmann. „Viele Einzelhändler sagen, das lohnt sich nicht.“ Eine Anzeige aufgeben, eine Aussage machen und, und, und – am Ende kommt nichts oder wenig dabei raus. Ohlmann spricht von einer Anzeigen-Müdigkeit.

Dass es so weit gekommen ist, kritisiert auch der bundesweite Handelsverband Deutschland. „Diese Delikte werden nur unzureichend verfolgt“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Ermittlungstätigkeit finde in der Praxis nur selten statt. „Selbst wenn der Täter mit Unterstützung des Händlers identifiziert werden kann, werden die Strafverfahren viel zu häufig eingestellt.“ Das ist frustrierend für die beklauten Händler.

Dazu kommt, dass viele Einzelhändler enorme Summen investieren, um Ladendiebe zu erwischen. Mitarbeiter-Schulungen, Produktsicherung, Kameras. Der Effekt ist überschaubar. Denn, so sagt Ohlmann, die Ladendiebe werden immer professioneller. Ein Viertel der Ladendiebstähle wird ihm zufolge von professionellen Banden begangen. Oft arbeiten sie in Teams: Einer lenkt das Personal ab, einer klaut, einer wartet auf dem Parkplatz mit laufendem Motor. Das Diebesgut wird unkompliziert über das Internet verscherbelt. Doch nicht nur Profis lassen Waren mitgehen: „Das geht durch alle Schichten“, sagt Ohlmann. Vorstandsmitglieder, Rentner, Schüler.

Robin Hertschek (38) betreibt seit acht Jahren einen Edeka-Supermarkt in Neubiberg (Kreis München). Auch ihm wird viel geklaut – der Aufwand, Diebstahl nachzuweisen oder bei der Polizei zu melden, ist riesig und oft nicht leistbar. „Die Polizei ist auch unterbesetzt, manchmal dauert es ein bis zwei Stunden, bis die kommen.“ Einen Ladendetektiv kann er sich nicht leisten, der würde ihn etwa 250 Euro pro Tag kosten. Deshalb ergreift er eigene Maßnahmen und hat beispielsweise sein Sortiment umgestellt. Kleine Cremes, teure Schminkartikel, die schnell in der Handtasche verschwinden können, hat er aussortiert. Wichtig sei außerdem, die Mitarbeiter zu schulen – um verdächtige Personen zu erkennen.CARINA ZIMNIOK MARTIN BECKER

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