Natalia Mochalskyy im Garchinger Rathaus.
Am 7. März jährte sich mein Umzug nach Deutschland zum vierten Mal. In weniger als einem Jahr darf ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Im Moment ist das mein größtes Ziel: ein deutscher Pass. Ich weiß, dass ich nicht mehr in die Ukraine zurückkehren werde. Mein Leben sehe ich hier – in Deutschland. In meiner Heimatstadt, in der meine Eltern leben, ist die Lage weiterhin gefährlich. Auch im März wurden Bilhorod-Dnistrowskyj und die Umgebung erneut von Drohnen und Raketen getroffen. Mein Vater sagt, dass ihn diese Jahre sehr verändert haben. Er ist ständig angespannt. Wie könnte es auch anders sein? Das ist ein Leben im Ausnahmezustand, ein tägliches Überleben. Mein Cousin kämpfte zwei Jahre lang im Krieg. Jetzt hat er den Status „eingeschränkt diensttauglich“ erhalten. Er muss nicht mehr an die Front. Stattdessen darf er eine Einheit im Hinterland wählen. Künftig wird er Maschinengewehrschütze und Drohnenpilot in unserer Heimatstadt sein und abends nach Hause zurückkehren können. Vor Kurzem konnte er zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder ganz normal duschen – eine Kleinigkeit, die plötzlich unbezahlbar wirkt.
Gleichzeitig brachte der letzte Monat viele schöne Momente in mein Leben. Ich habe mit meinem Mann zum ersten Mal ein Eishockeyspiel im SAP-Stadion in München besucht. Ich habe die Führerscheinprüfung bestanden. Er hat mich 6000 Euro gekostet, die Anforderungen an Autofahrer sind in Deutschland deutlich höher als in der Ukraine. Die praktische Prüfung bestand ich erst beim zweiten Versuch – sie hatte es wirklich in sich.
Vor Kurzem erfuhr ich, dass die Stadtratssitzungen in meinem Wohnort Garching öffentlich sind. Da mich Politik interessiert, nahm ich neugierig an einer Sitzung teil. Es ging um eine Radschnellwegbrücke bei Garching-Hochbrück, eine barrierefreie Filmvorführung und weitere Projekte für die Stadt. Jeder konnte Fragen stellen. Mich hat das tief beeindruckt. Während in der Ukraine darüber gesprochen wird, wie man Raketenangriffe überlebt und ohne Strom oder Wasser zurechtkommt, diskutiert man in meiner deutschen Stadt darüber, wie öffentliche Räume barrierefreier werden können. Zwei völlig unterschiedliche Realitäten – und beide existieren seit vier Jahren gleichzeitig in meinem Leben. Als mein Mann zur Bürgermeisterwahl ging, begleitete ich ihn, um zuzuschauen. Ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren selbst am politischen Leben dieses Landes teilnehmen darf. Deutschland ist mir wirklich ans Herz gewachsen.