Der Theologe Eberhard von Gemmingen. © KNA
Er ist ein waschechter Freiherr. Als einziger Sohn war Eberhard von Gemmingen dazu bestimmt, den Erbhof am Stammsitz seines Geschlechts in Bad Rappenau bei Heilbronn zu übernehmen. Doch es kam anders. Das adelige „von“ lässt der Jesuit weg, wenn er sich vorstellt. Dem einstigen Vatikanjournalisten gelang gleich zweimal, worauf viele Berufskollegen ein ganzes Leben umsonst hoffen: den Papst zu interviewen. Am Samstag feiert der Ordensmann seinen 90. Geburtstag.
Pater Gemmingen pflegt immer noch seine Vorliebe für rote Pullover. Alle Wände seines Zimmers sind mit Fotos übersät, sie zeigen Verwandte. Allein die jüngste seiner fünf Schwestern hat inzwischen 18 Enkel. Es gab eine Zeit, da war der Jesuit einer der bekanntesten Kirchenmänner in Deutschland. 27 Jahre lang leitete Gemmingen die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan in Rom. Die Internetseite „Vatican News“ geht auf seine Initiative zurück. Beim Weltjugendtag 2005 in Köln und ein Jahr später beim Bayernbesuch von Benedikt XVI. war er der maßgebliche Fernsehexperte, der den Deutschen „ihren“ Papst erklärte. Auch später gab der Vatikankenner Medienleuten bereitwillig Auskunft, wenn die wissen wollten, warum die katholische Kirche Kondome immer noch ablehnt: häufig plakativ, bisweilen flapsig, Hauptsache verständlich. Und wenn er selbst einmal Kritik an „seinem“ Laden äußerte, verpackte er sie mit seiner freundlichen Stimme und Miene stets so, dass ihm niemand böse sein konnte.
Zurück in Deutschland, wechselte er in die Fundraising-Abteilung seines Ordens und wurde „Bettelmönch“. Mittlerweile ist er unter die Buchautoren gegangen. „Aus Langeweile“, behauptet er. Ein Werk über Konvertiten, also Menschen, die aus einer anderen Glaubensgemeinschaft zur katholischen Kirche gewechselt sind, liegt fertig in der Schublade. „Als Nächstes schreibe ich über Märtyrer“, erzählt er. „Ich möchte zeigen, dass viele sehr gescheite Leute für ihren Glauben an Jesus Christus gestorben sind.“ Und er verbindet damit die Hoffnung, dass auch aufgeklärte, säkulare Deutsche darüber vielleicht einmal ins Nachdenken kommen, was es mit diesem Gott auf sich haben könnte.CHRISTOPH RENZIKOWSKI