Holzspielsachen mit Tradition

von Redaktion

Sehenswürdigkeiten to go: die Münchner Frauenkirche oder das Brandenburger Tor in der Streichholzschachtel.

Mit Holzzügen hat vor über 90 Jahren alles begonnen. Sie sind in der Werkstatt ausgestellt.

Spielzeug, das per Hand gemacht wird: Arwed (links) und Horst Loquai vor der Trommel, in der Holzteile blau gefärbt werden. © Marcus Schlaf (4)

Pöttmes – Wenn Horst Loquai das Tor zur Werkstatt öffnet, empfängt ihn der Geruch von Holz und Lösemittel. So ist es schon immer gewesen – auch als er und sein Bruder Arwed noch kleine Jungen waren und hier ihre ersten Kunstwerke zusammengeleimt haben. Diese Werkstatt in Pöttmes bei Aichach gehört zur Familie Loquai wie ein Stammbaum. Sein Opa Rudolf hatte das Unternehmen 1934 im sächsischen Erzgebirge gegründet. Nach dem Krieg fasste er aber in Bayern Fuß, der Betrieb wuchs. Also kaufte er 1959 den ehemaligen Gasthof mit Landwirtschaft. Dort produzieren die Loquais seitdem ihr Holzspielzeug.

Horst und Arwed Loquai stehen nebeneinander an der Werkbank, den Blick auf eine Skizze für ein neues Projekt gerichtet. An der Wand hinter ihnen sind ordentlich aufgereiht die kleinen Verkehrsschilder und Züge zu sehen, mit denen einst alles begann. Aber der Spielzeugmarkt ist nicht mehr derselbe, mit Holzzügen und -figuren allein kann kein Unternehmen mehr bestehen. Deshalb sind die Loquai-Brüder kreativ geworden.

Sie haben begonnen, die berühmtesten Sehenswürdigkeiten auf Miniatur-Größe zu schrumpfen und in Streichholzschachteln zu verpacken. Es begann vor acht Jahren mit der Erfurter Krämerbrücke. Ein Souvenirhändler kam mit ihnen auf der Spielwarenmesse ins Gespräch. So entstand die Idee für eine Krämerbrücke to go. Die Loquais zeichneten Skizzen, probierten ein bisschen aus, bauten einen Prototyp, der so klein war, dass er in die Streichholzschachtel passte. Die Idee kam gut an – nicht nur in Erfurt. Der Souvenirhändler bestellt pro Jahr etwa 20.000 Schachteln für seine Kunden bei den Loquais. Und über ihn sind auch andere auf die Miniatur-Holzkunst aufmerksam geworden. Deshalb haben die Brüder inzwischen vieles in Streichholzschachteln verpackt: die Münchner Frauenkirche, das Straßburger Münster, den hessischen Landtag, die Wartburg, das Brandenburger Tor. Aber auch einen Adventskranz, eine Krippe und einen Christbaum sowie mehrere Lege- und Bauspiele. „Alles muss bespielbar und bezahlbar sein“, sagt Horst Loquai.

Die Brüder leiten den Familienbetrieb seit 2010. Bis vor Kurzem hat auch ihr Vater Andreas noch mitgeholfen. Seit der ersten Spielwarenmesse 1950 hat er keine einzige verpasst. Vergangenes Jahr ist er mit 90 gestorben. Horst und Arwed führen das Unternehmen nun in dritter Generation. Sie wissen, dass sie sich auf die Qualität ihrer Spielsachen allein nicht verlassen können. „Auf dem klassischen Spielwarenmarkt haben wir kaum eine Chance“, sagt Arwed Loquai. Erst neulich ist der 58-Jährige durch die Spielwarenabteilung einer Drogerie geschlendert. Er hat viel buntes Plastik gesehen. Spielzeug, das blinkt, laut ist – und billig. Da können die Loquais nicht mithalten. Wollen sie auch nicht. In Kempten gibt es ein Geschäft, das ihre Spielsachen verkauft. Und das Münchner „Kinderzimmer“. Vor allem kaufen aber Großhändler bei ihnen ein. Über die Mengen können sie die Preise bezahlbar halten. Und ihre Spielsachen reisen in die ganze Welt. Einer ihrer Hauptkunden sitzt in Japan.

Für Horst und Arwed Loquai war es nie eine Frage, ob sie in das Unternehmen einsteigen, das ihr Großvater aufgebaut hat. Vorher haben sie aber Zimmermann- und Holzmechaniker-Ausbildungen gemacht und in anderen Betrieben Eindrücke gesammelt – um dann das typisch erzgebirgische Spielzeug ihres Opas zukunftsfähig zu machen. Horst Loquai öffnet die Tür zum „Maschinenraum“. Er steht vor einer Schleifmaschine, die so alt ist wie er. Die meisten Maschinen stammen aus den 50ern bis 70ern. Sie werden nicht computergesteuert, alles wird per Hand eingestellt. Die Loquais haben etwa 15 Mitarbeiter, die sind genauso treu wie die Maschinen. „Eine Mitarbeiterin hat über 60 Jahre für uns gearbeitet“, erzählt der 59-Jährige.

Vor zwei Jahren hat Loquai Holzkunst 90-jähriges Bestehen gefeiert. Wie sich die Nachfrage nach Holzspielzeug bis zum 100-Jährigen entwickelt, trauen sich die Brüder nicht zu prognostizieren. Neue Ideen waren nie das Problem. Zu ihrem Sortiment gehören Blumenpressen, Stiftehalter, Untersetzer, Puppenmöbel, Hasenställe, Obststeigen und Flaschenkisten. Aber es kommen auch immer neue Auflagen dazu. „Kinder bekommen heutzutage leider viel zu früh Tablets in die Hand gedrückt“, sagt Horst Loquai. Seine eigenen Enkel sind zwei und drei Jahre. Sie spielen natürlich mit Holzspielzeug. Ist ja Familientradition.

Artikel 5 von 11