Jedes Bieberl schaut anders aus, weil die Kremsreiters viele Rassen züchten.
Coole Frisur: Das sind die Appenzeller Spitzhauben. © THOMAS PLETTENBERG (3)
Ausgezeichnete Züchterinnen: Maxi und Hedwig (rechts) Kremsreiter mit ihren Rassehühnern „Chabo weiß mit schwarzem Schwanz“ und „Zwerg-Friesenhuhn gelb-weiß getupft“.
Marienstein – Wenn Maxi Kremsreiter auf Titeljagd geht, füllt sie erst einmal Wasser in ein Wannderl. Dann geht sie zu den Hühnerställen neben ihrem Elternhaus in Marienstein, nimmt ihre schönste Henne auf den Arm, Rasse „Chabo weiß mit schwarzem Schwanz“, und badet sie. „Die musst du festhalten, sonst haut sie ab“, sagt Maxi. Vorsichtig säubert sie die Federn, sonst hat sie beim Preisrichter keine Chance.
Maxi Kremsreiter ist 13 Jahre alt und Hühnerzüchterin, mehrfache Juniorenmeisterin im Geflügelzuchtverein Miesbach. Ihre Schwester Hedwig (15) ist sogar Kreismeisterin mit ihren „Zwerg-Friesen gelb-weiß getupft“. Kein Wunder: Die Mädchen kommen aus einer richtigen Federvieh-Familie. „Bei uns hat jeder seine eigene Rasse“, sagt Mama und Hühner-Chefin Patricia Kremsreiter (52). Zum Geburtstag kriegt sie von ihrem Mann schon mal ein Rassehuhn geschenkt. Wenn jetzt also zu Ostern alle ganz narrisch auf Hasen, Hühner, Eier sind – diese Familie ist es das ganze Jahr.
Die Kremsreiters leben mit sechs Kindern in Marienstein bei Waakirchen. Vor 18 Jahren zogen sie ein, bald darauf kamen die ersten Hühner. Anfangs ging es um eigene Eier, dann wurde Patricia Mitglied im Geflügelzuchtverein, heute ist sie Jugendleiterin. Rund 200 Tiere leben auf dem kleinen Anwesen: Hühner, Tauben, Puten, Enten, Hasen und ein Hund.
Hedwig und Maxi sitzen im Esszimmer am Tisch. An der Wand hängen ihre Trophäen, Platten aus Schiefer oder Holz mit aufgemalten Hühnern. „Ich hab‘ mir zum siebten Geburtstag Hühner gewünscht“, sagt die 15-jährige Hedwig. Bei Maxi war es ähnlich. Die beiden kümmern sich jeden Tag um ihre Tiere: füttern, ausmisten, Krallen zwicken bei Bedarf, Gefieder säubern, damit sich kein Ungeziefer einnistet, das die Federn anknabbert. Ihr Hobby hat auch niedliche Seiten: die Küken. Und davon haben die Kremsreiters jede Menge.
In der Ecke des Esszimmers steht ein Brutautomat von der Größe eines mittleren Kühlschranks. In Etagen liegen die Eier, akurat beschriftet mit Bleistift, damit klar ist, aus welchem Stamm sie sind. Ein Display zeigt die Temperatur an: 37,5 Grad. 21 Tage dauert es, bei Maxis Chabos nur 20. Dann picken die Bieberl die Schale auf und schlüpfen. Etwa einmal pro Woche kommt eine neue Generation Rassehühner zur Welt. Sie wachsen, ein Teil wird verkauft, ein Teil geschlachtet, ein Teil bleibt zur Zucht.
Die Mädchen stehen jetzt vor den Federvieh-Verschlägen. Jede Rasse hat ihr eigenes Abteil, auf sandigem Boden können sie scharren und Körnerfutter picken, sie haben Tageslicht und frische Luft. Etwa 60 Eier sammeln die Kremsreiters täglich ein. Die befruchteten werden ausgebrütet, der Rest gegessen oder gekocht verfüttert. Namen haben die Rassehühner nicht, Haustier hin oder her. Aber die Schwestern können auf Anhieb sagen, welche Henne die schönste im Stamm ist. „Die mittlere ganz hinten, sie steht aufrecht, schöne Farbe, schöner Kamm“, sagt Maxi.
Bei den Ausstellungen geht‘s ernst zu. Die Preisrichter, sagt Patricia Kremsreiter, haben extra weiße Kittel an. Es gibt nämlich Züchter, die schummeln. Manche schmieren Schuhcreme auf die Federn, damit die schön schwarz schimmern – das fliegt natürlich auf, wenn der Juror das Tier auf den Arm nimmt. Ein skrupelloser Zeitgenosse, erinnert sich Patricia Kremsreiter, hat seinem Gockel mal mit der Nagelschere den Kamm zurechtgeschnitten. Ihre Töchter schütteln den Kopf. So was würden sie nie tun. Maximal ein bisschen Vaseline auf den Kamm. Ansonsten liegt ihr Erfolgsgeheimnis in der Zucht. Damit beeinflussen sie Farbe, Körperhaltung, Kammform.
Die Schwestern gehen auf Ausstellungen in Miesbach, Bad Aibling, manchmal auch weiter weg. Hedwig war schon mal in Heidelberg, ihre Rasse ist selten, der nächste Züchter hunderte Kilometer entfernt. Das ist ein Problem, weil sich in der Region nicht viele mit „Zwerg-Friesen gelb-weiß getupft“ auskennen. Realschülerin Hedwig weiß deshalb schon, was sie nach ihrem Abschluss werden möchte: Tierarzthelferin – und Spezialistin für Hühner jeder Rasse.CARINA ZIMNIOK