Der Kini und der Traum von 1001 Nacht

von Redaktion

Ludwig II. kauft Maurischen Kiosk vor 150 Jahren – 16-Millionen-Euro-Sanierung dauert an

Die Ornamente aus Gips haben deutliche Schäden.

Im Herzen des Maurischen Kiosks: Alexander Laar, Leiter der Schloss- und Gartenverwaltung von Linderhof, steht auf dem Gerüst direkt unter der Kuppel. © Andreas Mayr (5)

Pfauenthron und Brunnen: So sieht der Maurische Kiosk innen eigentlich aus. © IMAGO/Graefenhain

Handwerker arbeiten am Mini-Palast. Seit Juli 2025 ist er für Besucher geschlossen.

Heimatminister Albert Füracker lässt sich von Alexander Laar den Zustand der Außenwände zeigen.

Ettal – Umringt von vier Türmchen thront die goldene Kuppel, dahinter ragen die Ammergauer Alpen in den Himmel. Spanien hat die Alhambra, das Graswangtal den Maurischen Kiosk. Vor 150 Jahren konnte König Ludwig II. dem Traum vom orientalischen Mini-Palast im Park seines Schlosses Linderhof nicht widerstehen. Also kaufte er den Pavillon, der zuvor Paris auf der Weltausstellung begeistert hatte.

Wie viel der Märchenkönig dafür hingeblättert hat, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, was er es sich hat kosten lassen, das Gartenhäuschen umzubauen und exklusiver aufzumotzen. Im Inneren ließ er nicht nur einen XXL-Lüster und Marmorbrunnen installieren. Er gab auch den mit über 60.000 Glasperlen besetzten Pfauenthron in Auftrag und bettete sich auf einem seidenen Diwan, einer Art Liegesofa. Im neuen Salon ließ der König sich Tee servieren, während er las – und sinnierte. Orientalisch gekleidete Diener sollen Wasserpfeife geraucht und die Illusion so perfekt gemacht haben.

Derzeit ist es im und rund um den Maurischen Kiosk allerdings laut und staubig. Handwerker schrauben, bohren und hämmern. Die Südfassade ziert eine hölzerne Wand. Die ganze Fassade samt Kuppel besteht aus gut 2000 Einzelteilen aus Eisen, Zink und Kupfer. Jede der vier Außenwände ist aus kleinen und großen Metallplatten zusammengepuzzelt. Die Südseite ist im Sommer abgetragen worden und wird in einer Fachwerkstatt bei Regensburg restauriert. „Pro Jahr kann aus statischen Gründen je nur eine von vier Fassadenseiten bearbeitet werden“, erklärt Alexander Laar, Leiter der Schloss- und Gartenverwaltung von Linderhof. „Wenn der Schnee weg ist, erfolgt die Wiedermontage der sanierten Elemente. Anschließend ist die zweite Außenwand dran.“ Laar streicht über die filigrane Metallhaut des Maurischen Kiosks. An manchen Stellen fehlt dem endlosen Muster aus Ornamenten nur Farbe, an anderen ist das Metall oxidiert. An einigen Stellen knabbert schon der Rost, andere sind von kleinen Flechten übersät.

„Nicht Schnee per se, aber Frost- und Tauwetter sind Gift für ganz Linderhof. Die mediterranen Bauten, die der König so geliebt hat, sind nicht für unser raues Berg-Klima bestimmt“, erklärt Laar. „Die Sanierung ist dringend nötig, um die Originalsubstanz zu erhalten. Bisher verlieren wir größtenteils nur Farbe, die von der Restaurierung in den 1980er-Jahren stammt.“

Viereinhalb Jahre – Außenwand um Außenwand – dauert die Sanierung des Kiosks. Die empfindlichen Hinterglasmalereien werden gleich mitrestauriert. „An die kommt man nur ran, wenn man die Fassade von außen abbaut“, erklärt Laar. Der Pfauenthron ist ausgelagert, der Marmorbrunnen eingepackt. Laar klettert das Gerüst hinauf bis unter die Kuppel und deutet auf abgeplatzte Ornamente. Auch am Gips und Holz nagt der Zahn der Zeit.

Die Linderhof-Crew kennt sich mit aufwendigen Restaurationen aus. Seit vergangenem Frühjahr ist die Venusgrotte nach zehn langen Jahren wieder offen. Ihre Sanierung hatte knapp 60 Millionen Euro verschlungen. Den Maurischen Kiosk sollen nun 16,6 Millionen Euro im alten Glanz erstrahlen lassen. Bei einem Besuch hat sich Albert Füracker (CSU) jetzt die Fortschritte zeigen lassen. Als Finanzminister hat er die Zahlen im Blick – aber als Heimatminister die Kulturschätze, die Ludwig II. hinterlassen hat. „Wir investieren hier nicht nur in ein einzigartiges Baudenkmal“, sagt er. „Wir bewahren auch ein Stück bayerischer Identität für unsere Heimat und nächsten Generationen.“

Restauratoren haben heute andere Möglichkeiten als bei der Frischkur in den 80ern. Bevor demnächst die Platten an der Nordseite abgenommen werden, wird die Fassade hochauflösend gescannt. Damit beim Wiederaufbau ein Jahr später jedes Teil am angestammten Platz sitzt und Verzahnungen und Schraubenlöcher ineinandergreifen.

Dieses Mega-Puzzle ist übrigens „made in Preußen“. Entworfen hat es der Berliner Architekt Carl von Diebitsch, um den Kiosk 1867 auf der Pariser Weltausstellung zu zeigen. Das war 22 Jahre vor der Eiffelturm-Sensation! Dass sich ausgerechnet Preußen so multikulti zeigte, verwunderte damals. „Dieser Kiosk erzeugt im Publicum viel Kopfzerbrechen. Giebt es denn in Deutschland Muhamedaner?“, fragte etwa das „Bremer Handelsblatt“. Diebitsch starb in Kairo, bevor Eisenbahnunternehmer Bethel Henry Strousberg das Bauwerk erwarb und auf seinem Gutshof in Böhmen aufstellen ließ. Als dieser bankrott ging, schlug der Kini 1876 zu – für einen Hauch von 1001 Nacht in Linderhof.CORNELIA SCHRAMM

Frühlingserwachen

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