Rechts taub, links blind: Haslers Knochen wucherten „ins Monströse“, wie die Ärzte schon damals festhielten. © Privat
Dem Riesen auf der Spur: Professor Andreas Nerlich vom Institut für Rechtsmedizin in München. © A. Schmidhuber
Dahoam am Tegernsee: Das Skelett von Thomas Hasler ist bis 20. April im Museum Jagerhaus in Gmund zu sehen. © sco
Gmund – Der Riese vom Tegernsee begleitet Andreas Nerlich sein halbes Leben. In den 80ern wurden sie sich vorgestellt. Da war Nerlich Student, heute ist er Professor für Pathologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität München. „Als mich mein Chef damals zu Thomas Hasler geschickt hat, stand dessen Skelett schon über 100 Jahre am Institut“, erinnert sich Nerlich. Der Assistent sollte sich Gedanken zum Riesen machen. „Eines Abends brachte ich Kopf und Beine nach Großhadern – die waren ja noch nie im CT gewesen.“
Das damals neue Spielzeug der Radiologen zeigte: Nicht nur Haslers Kopf war völlig verformt, auch an den Beinen hatten Knochen gewuchert. Bei der Erkrankung Fibröse Dysplasie wird Knochenmark durch faseriges Bindegewebe ersetzt. In den 90ern ging die Spurensuche mit moderner Technik weiter. Es stellte sich heraus, dass Hasler auch einen gutartigen Hirntumor an der Hypophyse gehabt hatte. Dieser war für die exzessive Ausschüttung eines Wachstumshormons verantwortlich. Laut Forschern aus den USA sind beide Krankheiten auf eine Mutation am selben Gen zurückzuführen.
Heute gibt es für Betroffene Hilfe: Medikamente, die die Ausschüttung der Wachstumshormone blockieren, eine OP, bei der der Tumor entfernt wird, oder Bestrahlungen. „Der Gendefekt ist so selten, dass es keine Zahlen zur Häufigkeit gibt. Wäre Hasler mit der Geschwindigkeit weitergewachsen, wäre er mit 40 circa 2,62 Meter groß gewesen.“
Aktuell ist Haslers Skelett im Heimatmuseum Jagerhaus in Gmund am Tegernsee ausgestellt. Vor 150 Jahren, am 29. Juni 1876, ist er hier gestorben. Die Ausstellung „Der größte Bayer“ ist bis 20. April verlängert worden (Öffnungszeiten: Mo,Fr,So 14-17 Uhr). Das Rätsel um den Riesenwuchs hat Nerlich ja schon vor einem Vierteljahrhundert geknackt. Als Experte für antike Krankheiten hatte der 68-Jährige danach über 1800 Mumien untersucht – den Riesen aber nie aus dem Kopf bekommen.
Von Hasler, geboren 1851, gibt es kein Gemälde oder Foto. Nur Tauf-, Firm- und Sterbeeinträge in den Matrikel zeugen davon, dass er existierte. Und sein Skelett, das er den Ärzten in der Stadt selbst noch zu Lebzeiten für 500 Gulden verkaufte. Doch Hasler hatte sechs Geschwister und mit einigen der Nachfahren konnten Nerlich und Heimatforscher Benno Eisenburg sprechen. Die Geschichte von Haslers Leben und Leid hat Nerlich in einem Buch festgehalten: „Indem wir sie rekonstruiert haben, konnten wir auch ein Sittenbild des oberbayerischen Landlebens und der Menschen zeichnen.“
Als der Bauernbub mit elf und 1,75 Meter zu groß für die Schulbank ist, misst der durchschnittliche Altbayer 1,62 Meter. „Dass der Bub ab dem neunten Lebensjahr wie eine Rakete wuchs, führte man darauf zurück, dass ihm ein Pferd gegen die linke Wange getreten hatte.“ Der Gmunder Chirurg Franz Paul Gschwändler gilt als „Entdecker“ des Riesen vom Grundnerhof. Haslers Vater stirbt, als er 14 ist. Davor ist der Arzt öfter zu Besuch und wundert sich über die Schlappen, Größe 52, des Sohnes mit den Bärenkräften. „Weil er fleißig war und anpacken konnte, soll der gesellige Thomas Hasler ein vollwertiges Mitglied der dörflichen Gemeinschaft gewesen und nicht ausgegrenzt worden sein“, sagt Nerlich. Zeitweise wollten ihn die Kinder beim Kegeln nicht mehr mitspielen lassen, weil er diese mit einem Schub zerdrückte. Dafür soll er Baumstämme und ein Fuhrwerk voller Heu alleine haben hieven können.
Nach dem Tod des Vaters verliert die Familie den Hof. Hasler arbeitet als Knecht. Beim Bauern wohnt er im Stadl, für die niedrige Decken der Stuben ist er ja nicht gemacht. Im letzten Lebensdrittel muss sich Haslers Kopf äußerlich stark verändert haben. Die Knochen wucherten unaufhaltsam. An der Stirn misst ein gesunder Schädelknochen fünf Millimeter, bei Hasler sind es sechs Zentimeter. Heute weiß Nerlich: „Er muss rechts taub und links blind gewesen sein. Er roch nichts und tat sich wegen einer Arthrose im Kiefergelenk und einem verengten Tränen- und Nasengang schwer mit dem Atmen, Kauen und Schlucken.“ An seinem Todestag soll der 155 Kilogramm schwere Mann zwei Kübel Wasser getrunken haben. Eine Grippe könnte ihn getötet haben. Bei einem Infekt dehnt sich das Hirn minimal aus, so kam es wohl zu einer Gehirneinklemmung. Per Pferdefuhrwerk kam sein Leichnam in die Stadt – und der größte Bayer damit in den Fundus der damals noch jungen Pathologie.