Schneebrett am Steilhang: Rettungsdienste suchen vergangenen März an der Hohen Ferse in Südtirol nach Verschütteten. Vier Skifahrer kamen ums Leben. © dpa
München – Die Zahl klingt alarmierend: 135 Menschen sind in diesem Winter in Europa durch Lawinen ums Leben gekommen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Dies meldet der European Avalanche Warning Service (EAWS), ein Zusammenschluss europäischer Lawinenwarndienste. Besonders betroffen sind Italien, Frankreich und Österreich.
In Italien wurden insgesamt 38 Lawinentote gezählt, vor allem in Südtirol, das auch bei deutschen Alpinsportlern sehr beliebt ist. Dort ereignete sich auch das schlimmste Unglück: Beim Aufstieg zur 3545 Meter hohen Vertainspitze im Ortler-Gebirge wurden Anfang November fünf Bergsteiger von Schneemassen mitgerissen und getötet. Alle fünf kamen aus Bayern.
Laut Lawinenwarndienst Bayern ist jedoch eine Einordnung erforderlich. Die Berge seien nicht plötzlich gefährlicher geworden, im Gegenteil: „Es passiert im Durchschnitt weniger als früher. Es sind dreimal so viel Menschen wie vor 20 Jahren unterwegs. Eigentlich ist es eine Reduzierung des statistischen Risikos“, sagt Christoph Hummel. Der Lawinenwarner am Bayerischen Landesamt für Umwelt ist nebenberuflich auch als Bergführer tätig.
Als einer der Gründe für die höhere Zahl an Todesopfern wird von Experten der Klimawandel genannt. Der Schnee ist nicht mehr so fest. Zudem verbinden sich Altschnee und Neuschnee nicht mehr so gut. Außerdem gebe es stärkere Winde, sodass sich oft gefährlicher Treibschnee ansammelt.
Dieser Winter war in den Alpen besonders anspruchsvoll. „Er war außergewöhnlich, im Schnitt haben wir das nur alle zehn Jahre“, sagt Hummel. Auf Schneefälle folgten lange Kälteperioden: „Damit baut sich die Schneedecke in schattigen Lagen aufbauend um, es bildet sich grieseliger Schnee. Er ist besonders heimtückisch, weil die Gefahr in der Tiefe schlummert.“
Diese Altschnee-Problematik blieb die gesamte Saison bestehen. In Bayern betrifft das vor allem höhere Lagen. Gefährlich ist es derzeit in den Hochlagen über 2000 Metern, etwa am Allgäuer Hauptkamm, im Wetterstein, Karwendel und in den Berchtesgadener Alpen.
Auffällig ist: Viele Unfälle passieren abseits der Pisten. „Die Gefahr ist dort höher, wo wenig gefahren wird, also vorwiegend im Skitourenbereich.“ Wer dort unterwegs ist, muss vernünftig vorbereitet sein. Zur Standardausrüstung gehören Lawinenschaufel, Sonde und ein Lawinenverschüttetensuchgerät. „Diese Ausrüstung sollte man immer dabeihaben, auch wenn man nur zehn Meter neben der Piste unterwegs ist“, sagt Hummel. Denn im Ernstfall zählt jede Minute. Nach etwa 15 Minuten sinken die Überlebenschancen bei Lawinenverschütteten rapide.
Trotz der hohen Opferzahlen sieht Hummel keinen Grund zur Panik. Die Zahl der Menschen in den Bergen habe sich vervielfacht, Skitouren und Freeriden abseits der präparierten und bewachten Pisten seien beliebter denn je. Damit wächst auch die Zahl der Unfälle, das individuelle Risiko sei jedoch nicht gestiegen. Entscheidend ist das Verhalten: „Am wichtigsten ist, sich tagesaktuell zu informieren, vor Ort den Schnee zu beobachten und sich selbst sicher einzuschätzen.“
Er rät zur Vorsicht: „Also lieber umkehren, wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat.“ Wer wenig Erfahrung hat, kann sich gezielt vorbereiten. Alle Alpenvereine bieten Kurse an: Dort lernen Teilnehmer, wie Lawinen entstehen, wie man Risiken erkennt und wie die Notfallausrüstung funktioniert.
In den meisten europäischen Skigebieten ist die Saison vorbei. In höheren Lagen und auf Gletschern ist Skifahren oft aber noch bis Anfang Mai möglich. Einige Gletschergebiete ermöglichen Abfahrten auch im Sommer. Hummels Botschaft ist klar: Die Berge bleiben ein Risiko, aber es ist kalkulierbar. Wer sich vorbereitet, aufmerksam bleibt und im Zweifel verzichtet, kann auch in schwierigen Lagen sicher unterwegs sein.TINA SCHNEIDER-RADING