Im Hobbysteinbruch in Solnhofen können besucher selbst nach Fossilien graben. Das Werkzeug dafür können sie vor Ort ausleihen. © imago (2)
Victor Henles Bildband ist im Kunstverlag Fink erschienen (272 Seiten, 29,80 Euro).
Der Solnhofer Stein hat eine feinkörnige Struktur und ist damit ideal zur Bearbeitung.
Solnhofen – Die Welt mag vielleicht den Begriff „Solnhofer Stein“ nicht kennen – aber wenn man von den zahllosen Fossilien in dem ganz besonderen Kalkstein spricht, dann schaut das schon anders aus. Vor allem beim berühmtesten Exemplar seiner Art: dem Urvogel Archaeopteryx, der auf rund 150 Millionen Jahre datiert ist. Er wurde in dem feinkörnigsten Stein in den Plattenkalken des Altmühltals gefunden. Wie auch zahlreiche bizarr bunte Weich- oder Pflanzenteile, Libellenflügel oder Federn.
Nicht ganz so alt ist die Geschichte des Steins, was die menschliche Nutzung angeht. Aber knapp 2000 Jahre bringt die Verwendung des Super-Steins auch auf die Waage. Schon die alten Römer haben ihn verwendet. Er wurde im Laufe der Jahrhunderte Werkstein für Bodenpflaster, Treppen und Simse, für Kleinplastiken oder Grabdenkmäler, ab dem frühen 19. Jahrhundert auch Druckstein für Lithografie – und natürlich für Kirchen.
„Der Abbau und die Nutzung des Solnhofer Steins wurden bisher nur sporadisch und unvollkommen behandelt“, sagt Victor Henle, der einen informativen Bildband über den Solnhofer Stein verfasst hat. „Als Bodenpflaster in Kirchen, Klöstern, Residenzen und Rathäusern hatte der Solnhofer Stein im 17. und 18. Jahrhundert, also im Zeitalter des Barock und Rokoko, seine größte Bedeutung.“ Doch der Stein wurde von der Kunstgeschichte bei der Beschreibung der Räume bisher nicht wahrgenommen. „Dabei liegt im südöstlichen Baden-Württemberg und in Bayern in den meisten Kirchen und Klöstern eben dieser Solnhofer Stein.“ Auch in Österreich ist er zu finden – in vielen von der Donau und ihren Nebenflüssen erfassten Räumen. Henle will mit seinem Buch „diesem großartigen und geschichtsträchtigen Stein eine höhere Aufmerksamkeit verschaffen“– nicht nur unter künstlerischem Aspekt. Er erzählt von der Erfolgsgeschichte des kapitalen Kalksteins, von Transportwegen, von der sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung.
Der Transport etwa war eine diffizile Angelegenheit: „Der Solnhofener Plattenkalk wurde früher aufgrund seines Gewichts und der zerbrechlichen Natur der Platten primär über den Wasserweg transportiert“, erklärt Henle. Also möglichst wenig Rumpeln. „Die gewonnenen Platten wurden von den Steinbrüchen in der Region um Solnhofen, Eichstätt und Langenaltheim zunächst zur Altmühl gebracht – in Fuhrwerken. Der Weg vom Steinbruch zur Anlegestelle erfolgte oft beschwerlich über Land, meist mit Pferde- und Ochsenkarren.“ Dann ging es auf dem Wasser weiter: „Von der Altmühl aus wurden die Platten mit sogenannten Zillen, also flachen Booten, und Flößen flussabwärts in Richtung Kelheim transportiert, um sie auf die Donau und weiter zu verschiffen.“ Die mächtige Donau diente als Hauptschlagader für den Fernhandel. Und der blühte für den Solnhofer Stein spätestens dann, als er für den lithografischen Druck im 19. Jahrhundert weltweit gefragt war.
Woher stammt Henles Faszination gerade für diese Exemplare? „Ich bin mit diesem Stein aufgewachsen“, sagt der Autor. „Beide Elternteile und ihre Vorfahren waren als Steinbrecher und Steinhändler mit dem Solnhofer Stein verbunden.“ Und das bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreichend.
Doch alles hat einmal ein Ende. Solnhofer Stein ist kaum noch gefragt und wird kaum noch abgebaut. Aber: „Ganz verschwinden wird er nicht. Wenn der Denkmalschutz Solnhofer Böden nicht mehr durch Juramarmor ersetzt und Bauherren die bruchraue, geschliffene oder polierte Schönheit und Ausstrahlung des Steins dem Imitat oder anderen Steinen vorziehen, wird er noch eine gewisse Rolle spielen.“MATTHIAS BIEBER