Er bewahrt Lebensgeschichten: Wenn Björn Mensing Schüler durch die KZ-Gedenkstätte führt, erzählt er unter anderem das Schicksal von Noor-un-Nisa Inayat Khan. © Michaela Stache
Dachau – Mit schnellen Schritten ist Björn Mensing auf dem Weg zum Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau. Es ist 10 Uhr früh an einem grauen Märztag. Etliche Schulklassen sind gerade angekommen. Wie fast jeden Morgen. Der Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers ist für 9. Klassen verpflichtend. Mensing ist nicht nur Pfarrer der evangelischen Versöhnungskirche – sondern auch Historiker. Er führt seit gut 20 Jahren Schüler durch die Gedenkstätte. Heute ist eine Klasse aus Ulm angemeldet. Er stellt sich kurz vor, dann führt er die Schüler zu den Bahngleisen vor dem KZ-Tor. Hier kamen vor mehr als 80 Jahren die Häftlinge an. Und hier beginnt die Zeitreise, auf die der 63-Jährige die Jugendlichen mitnehmen möchte.
Als Historiker könnte er viele Zahlen nennen. Aber er will, dass die Jugendlichen mehr mit nach Hause nehmen als Fakten. Er möchte, dass sie sich hineinfühlen können in den Alltag der Gefangenen. Deshalb zieht er ein Foto von Noor-un-Nisa Inayat Khan aus seiner Tasche. Er beginnt seine Führung immer mit der Lebensgeschichte der jungen Frau aus einer indisch-muslimischen Familie. Sie hatte für die Briten als Spionin gegen die Nazis gearbeitet, wurde gefasst und im KZ Dachau ermordet, nachdem sie trotz Folter nicht ausgesagt hatte. „Als sie vor dem Krematorium erschossen wurde, rief sie laut: Liberté!“, berichtet Mensing. Er hat vor zehn Jahren ihren 98-jährigen Bruder kennengelernt. „Es wäre schön, wenn ihr euch Noor-un-Nisas Schicksal merken könntet“, sagt Mensing zu den Schülern.
Er hat in all den Jahren hunderte Schulklassen über das Gelände der Gedenkstätte geführt. Deshalb weiß er: Nicht alle werden sich die Lebensgeschichten merken. Die Schüler haben einen unterschiedlichen Wissensstand. Und sie gehen unterschiedlich damit um, was sie hier sehen und hören. Manchmal kommen viele Fragen, manchmal kaum welche. Ab und zu wird gekichert, bevor eine Klasse durchs Krematorium geht. Unsicherheit. Oder Überforderung. „In solchen Momenten stecke ich noch mehr Energie in die Führung.“ Wenn Mensing sieht, dass Jugendliche mit Audioguides über das Gelände geschickt werden, ist er enttäuscht. Unverantwortlich sei das. Auch Jugendliche, die mit Fragebogen losgeschickt wurden, hat er schon beobachtet. „So ist die Chance dieses Ortes vertan.“
Björn Mensing wird im Sommer in Rente gehen und in seinen Geburtsort Lüneburg zurückkehren. In den 21 Jahren als Pfarrer auf dem KZ-Gelände hat er jede Chance genutzt, die dieser Ort bietet. Er hat viele Überlebende nach Dachau geholt, später ihre Angehörigen. Unzählige Abende saß er mit anderen Interessierten im Gesprächsraum der Versöhnungskirche und hat Zeitzeugen zugehört. Jedes dieser Gespräche hat sich so viel tiefer in sein Gedächtnis gebrannt, als die vielen Besuche von hohen Politikern, die zu Jahrestagen Kränze niederlegten. Björn Mensing hat sich selbst zum Zeugen der Zeitzeugen gemacht. Und er spricht für sie, wenn er den jungen Menschen diesen Ort erklären will. Denn er weiß, dass die meisten Jugendlichen keinen KZ-Überlebenden mehr persönlich kennenlernen werden.
Er habe viele nette Anrufe und Mails bekommen, als bekannt wurde, dass er in den Ruhestand geht, erzählt er. „Das geht mir sehr zu Herzen.“ Wie seine Tage in Lüneburg aussehen werden, weiß er noch nicht. Vielleicht wird er sich ein Ehrenamt suchen. Bis es so weit ist, möchte er seine Aufgaben aber mit all seiner Energie weiterführen.
So wie diese Führung heute. Die zweieinhalb Stunden waren wieder viel zu schnell vorbei. Mensing hätte gerne noch von mehr Schicksalen berichtet, hätte den Schülern gerne Zeit für mehr Fragen gegeben. Zum Ende hat er eine Andacht in der Versöhnungskirche organisiert. Bevor alle Schüler eine Kerze anzünden, möchte er noch eine letzte Lebensgeschichte berichten. Vor jeder Führung recherchiert er das Schicksal eines Häftlings aus dem Heimatort der Jugendlichen. Das hat auch an diesem Morgen getan – und dabei eine Entdeckung gemacht. Eine Ulmer Schulklasse, die er vor drei Jahren in Dachau zu Gast hatte, initiierte, dass für Friedrich Bürzele in Ulm ein Stolperstein gesetzt wurde. Er hatte ihnen damals von dem Häftling berichtet, der 1941 in Dachau ermordet wurde. Bürzeles Schicksal ist den Jugendlichen offenbar in Erinnerung geblieben. Eine schönere Rückmeldung für seine Arbeit gibt es für Björn Mensing nicht.