Ein Buch gegen das Vergessen: Elisabeth Dreschers Besucher hinterlassen immer eine kleine Notiz.
Ein stiller Moment voller Wärme: Ihre Enkelin hält Elisabeth Dreschers Hand. © Mörwald (2)
Kühbach – Die Tür fällt dumpf ins Schloss. Es ist stickig im Zimmer. Der Raum ist klein, dunkel und provisorisch eingerichtet. Elisabeth Drescher (alle Namen geändert) liegt unter Decken begraben, nur ihr kleiner Kopf ist zu sehen. Tiefe Falten ziehen sich durch ihr Gesicht. Das hellgraue Haar ist zur Seite gekämmt. Kein Hallo zur Begrüßung. Nur ein müder Händedruck. Sie schaut auf, blass, erschöpft, dann sagt sie zu ihrer Enkelin: „Hast du kalte Hände.“
Im Pfarrer-Knaus-Heim in Kühbach bei Aichach ist es still. Vor den Treppen sind Warnmarkierungen befestigt. Stürze passieren hier im Altenheim schneller, als Pfleger „Vorsicht“ sagen können. Das gilt nicht für Elisabeth Drescher. Sie hat seit Tagen ihr Zimmer nicht verlassen. Wenn sie nicht schläft, starrt sie an die Wand. Dort ist ihre Familie auf Bildern verewigt: ihre Kinder, Enkel, Urenkel und ein Mann, der auf vielen Fotos fehlt: Erich, ihr Ehemann. Er ist schon vor 37 Jahren gestorben.
Auf ihrem Nachttisch liegt ein Büchlein, in das sich Gäste eintragen. Als Beweis dafür, dass jemand da war, falls Elisabeth Drescher es nicht mehr weiß. Ihr Gedächtnis lässt sie immer häufiger im Stich. „Gestern war niemand da“, sagt sie. „Doch“, antwortet ihre Tochter. Es ist jeden Tag jemand da. Die Tür geht auf, ein Enkel mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen kommt zu Besuch. Als sich die Kinder ans Bett setzen, schluchzt die 85-Jährige leise. „Ach, meine Kinderlein. Wenn ich euch mal alle nicht mehr kenn – das ist furchtbar.“
Ihre Tochter hält ihre Hand. Der Ausdruck in ihren braunen Augen verrät: Sie kann nicht mehr richtig begreifen, was passiert. Oft sind ihre Mundwinkel nach unten gezogen. Sie kann aber noch lachen. Das passiert, wenn ihr Urenkel von der Schule erzählt. Heute hat er einen Witz mitgebracht: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum. Die Oma sitzt im Kofferraum“, singt er frech. Elisabeth Drescher lacht. „In der Schule lernt man Bledsinn.“
Das Lachen hält nicht lang. Sie schaut ins Leere, dann wieder auf die Gesichter ihrer Familie. „Es ist einfach schlimm.“ Ihre Familie versucht, die Stimmung zu retten und sie zu einem Spaziergang zu überreden. Elisabeth Drescher sträubt sich. Sie will nichts machen, nicht einmal essen. „Jeder sagt, du musst essen, du musst trinken, aber wenn dir nix mehr schmeckt…“ Sie seufzt.
Früher hatte sie großen Appetit, kochte gerne mit Fleisch. Ihr Mann war Metzger, sie Hausfrau. Trotz ihres geringen Einkommens konnten sie es sich leisten, in Kühbach ein Haus zu bauen. Dort haben sie ihre fünf Kinder großgezogen. 1989 bekam Erich Drescher die Diagnose Magenkrebs. Der Tumor hatte schon gestreut, alles ging sehr schnell. Zwei ihrer Kinder waren noch nicht mal volljährig, als er starb.
Vier oder fünf Jahre später kam Wilfried Albers in ihr Leben. Elisabeth Drescher lernte ihn über eine Nachbarin kennen. Erst nur Briefe und Telefonate, dann kam Willi sie in Kühbach besuchen. Schließlich zog sie zu ihm ins Allgäu. Mittlerweile leiden beide an Altersschwäche. Er zittert, sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Ende 2025 baute sie immer mehr ab, aß kaum noch. Aus Verzweiflung entschieden Elisabeth Dreschers Kinder, einen Heimplatz für sie zu suchen. Ausgerechnet in Kühbach wurde etwas frei – an jenem Ort, an dem so viele Erinnerungen hängen. Ihre Demenz wurde nie diagnostiziert. Aber sie und ihre Familie spüren, wie die Erinnerungen immer mehr verblassen.
Es gibt Momente, in denen sie plötzlich wieder ganz da ist. Besonders, wenn ihre Tochter vom Haus in Kühbach erzählt. Vom Kirschbaum im Garten. Elisabeth Drescher erinnert sich, wie sie als Kind Kirschen vom Nachbarn stahl. Sie kichert. „Die Sachen vergisst man nicht, oder?“, fragt ihre Tochter. „Nee, die vergisst man nicht. Das waren schöne Zeiten.“ Viele andere Erinnerungen sind verblasst.
Willi kommt nur selten zur Sprache. Als wäre er ein Pflaster, das man nur langsam abziehen darf. „Was für ein Willi?“, fragt sie, als er erwähnt wird. Dann starrt sie an die Decke, seufzt. „Mein Willi… so weit ist’s jetzt.“ Ihre Familie weiß nicht, ob sie ihn einmal nach Kühbach holen soll. Es könnte sein, dass Elisabeth Drescher ihn nicht mehr erkennt.
Die 85-Jährige weiß, dass es ihr Zuhause im Allgäu nicht mehr gibt. Ihre Kinder räumten die Wohnung aus. Wenn sie durchs Fenster blickt, sieht sie keine Berge, sondern eine kahle Terrasse. Früher war Kühbach ihr Zuhause. Jetzt ist es nur noch ein Blick aus dem Zimmer – als wäre die Welt da draußen eine Postkarte.
Ihre Tochter beugt sich zu ihr herunter, gibt ihr einen Kuss. „Wir werden jetzt fahren, damit du schlafen kannst.“ In dem engen Raum herrscht Gedränge, alle ziehen sich ihre Jacken an. Sie wissen nicht, wie viel Zeit ihnen mit ihrer Mutter, Oma und Uroma noch bleibt. Ihre Familie wird wiederkommen, an ihrem Bett sitzen, sich in das Büchlein eintragen, Witze machen und mit ihr an die Vergangenheit denken – als ließe sich das Vergessen so ein wenig herauszögern.