Als Sanitäter allein im Einsatz

von Redaktion

Über den Piepser werden die Rettungskräfte alarmiert. © Michaela Stache

Patientenmonitor © Michaela Stache

Medizinisch ist das REF ausgestattet wie ein Krankenwagen.

Notfallsanitäter Lukas Griebel © Michaela Stache (3)

In Dachau gibt es ein Rettungseinsatzfahrzeug (REF).

Dachau – Lukas Griebel schwingt den Notfallrucksack über seine Schultern und nimmt den Patientenmonitor in die Hand. Schnell geht der 26-Jährige auf das Einfamilienhaus in Karlsfeld im Landkreis Dachau zu, klingelt, zieht sich Einmalhandschuhe an. Drinnen wartet bereits ein Mann auf den Notfallsanitäter. Der 45-Jährige sitzt auf der Couch im Wohnzimmer, ist blass, wirkt nervös. Seit 24 Stunden kann er nichts essen und trinken. „Ich behalte nichts drinnen“, sagt der Patient besorgt. Einfühlsam beruhigt Griebel den Mann. „Es ist vermutlich ein Infekt.“ Er misst den Blutdruck, tastet den Bauch ab, nimmt sich Zeit. „Ins Krankenhaus müssen Sie nicht“, sagt er schließlich. „Versuchen Sie, Flüssigkeit zu sich zu nehmen.“ Aber in kleinen Schlucken, sagt er. Und keine Kohlensäure, die reizt den Magen. Zurück im Rettungseinsatzfahrzeug (REF) dokumentiert Griebel den Fall. Rund 20 Minuten später meldet er sich per Funk bei der Integrierten Leitstelle in Fürstenfeldbruck zurück: Der Notfallsanitäter ist wieder einsatzbereit.

Für genau diese Art von Einsatz ist das neue REF gemacht. „Das Projekt soll den Rettungsdienst entlasten“, sagt Griebel auf der kurzen Fahrt zurück zur Rettungswache Dachau. Das REF wird angefordert, wenn es sich nicht um einen lebensbedrohlichen Einsatz handelt, aber um einen Patienten, der dringend Hilfe braucht. Auf der Wache angekommen, öffnet der Notfallsanitäter die Hecktüre. „Das REF ist wie ein Krankenwagen ausgestattet“, sagt er und zeigt auf die vielen Geräte und Rucksäcke im Innenraum. Der Unterschied: Patienten können nicht transportiert werden. Dort, wo im herkömmlichen Rettungswagen eine Liege ist, sind unter anderem ein Sitz und ein ausklappbarer Schreibtisch für die Dokumentationsarbeit untergebracht.

„Das Ziel ist, dass die Patienten die beste Versorgung bekommen“, sagt Griebel. Und das passiere oft in ihrem gewohnten Umfeld. Sollten die Notfallsanitäter jedoch vor Ort erkennen, dass der Patient ins Krankenhaus muss, fordern sie einen Rettungswagen oder einen Krankentransport an. Schon schlägt Griebels Piepser, den er immer bei sich trägt, wieder an. Auf ihn wartet ein Patient mit einem „verschlechterten Allgemeinzustand“, jedoch „nicht zeitkritisch“. So steht es auf dem kleinen schwarzen Gerät, auf dem die Infos der Leitstelle eingehen.

Kurze Zeit später sitzt Griebel auch schon am Bett einer Frau in Olching im Landkreis Fürstenfeldbruck. Neben ihm liegen Notfallrucksack und Patientenmonitor, mit dem er unter anderem ein EKG machen kann. Schon in der Nacht habe es angefangen, sagt die Patientin. Die 63-Jährige hat Diabetes, fühlt sich schwach. Ihre Temperatur ist erhöht. Griebel misst den Blutzucker, macht ein EKG, hört die Lunge ab. „Die Lunge klingt belegt“, sagt er. Da zudem die Sauerstoffsättigung im Blut gering ist, bekommt die Patientin zusätzlichen Sauerstoff und eine Infusion. „Sie müssen ins Krankenhaus. Da kommen wir nicht drumrum“, entscheidet Griebel. Er ist seit 2017 im Rettungsdienst tätig und seit 2022 Notfallsanitäter.

Seit Dezember fahren 14 Notfallsanitäter aus den BRK-Kreisverbänden Dachau und Fürstenfeldbruck mit dem REF der Rettungswache Dachau. Mittlerweile sind die Fahrzeuge auch in Rosenheim, Würzburg und Ansbach im Einsatz. „Das Besondere ist, dass der Notfallsanitäter allein unterwegs ist“, sagt Tobias Weber, Leiter der Rettungswache Dachau. Und: Die Sanitäter haben weniger Zeitdruck. Denn anders als bei einem Rettungswagen muss das REF nicht möglichst schnell wieder für die Notfallversorgung vorhanden sein.

Das Konzept aus Bayern ist bundesweit einmalig. Zuvor wurde es drei Jahre getestet. Denn die Zahl der Einsätze in Deutschland steigt – seit 2015 um 28 Prozent. Die Zahl der Einsätze, in denen Patienten mit dem Krankenwagen in eine Klinik gebracht werden mussten, ist jedoch im selben Zeitraum von 73 auf 69 Prozent gesunken. Denn viele Patienten können ausreichend zu Hause versorgt werden.

Bei Griebels Patientin aus Olching ist das nicht der Fall. Der Notfallsanitäter greift zum Handy, fordert bei der Leitstelle einen Krankentransport an. Aber alle sind im Einsatz. Also muss doch ein Krankenwagen kommen. Nicht immer geht es ohne die Hilfe seiner Kollegen – aber in den meisten Fällen.

Artikel 5 von 11