Die kleine Quagga-Muschel ist nicht zu unterschätzen.
Jetzt ist Putzen angesagt: Veronika (links) und Tochter Luzia Schmötzer säubern ein SUP-Brett, so wie es sich gehört. © Michaela Sperer
Starnberg/München – Am Staffelsee wird eifrig geschrubbt und gespült. SUPler reinigen ihre Bretter nach jeder Tour – so will das Veronika Schmötzer, Vorsitzende der Fischereigenossenschaft Staffelsee. Sie macht sich große Sorgen um ihr geliebtes Gewässer. Denn die Quaggamuschel rückt immer näher. Für sie ist klar: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch am Staffelsee ankommt.
Am Bodensee und Chiemsee richtet das Tierchen bereits enorme Schäden an – und auch im Starnberger See ist es inzwischen im Anfangsstadium. Die circa drei Zentimeter große Muschel kann massive Schäden im Ökosystem von Süßgewässern anrichten. „Sie ist ein sehr starker Filtrierer“, erklärt Christian Vogelmann vom Institut für Fischerei in Starnberg. Die kleinen Übeltäter saugen das Plankton aus dem Wasser – und nehmen somit anderen Tieren die Nahrung und den Lebensraum.
Auch für Fischer hat das weitreichende Folgen. Zunächst wurden die Fische in den betroffenen Seen aufgrund des Futtermangels nicht so groß, inzwischen gehen die Bestände mancher Arten merklich zurück. „Am Bodensee gilt deshalb bereits ein Fangverbot für Renken.“ Der Fisch, vor Ort auch Blaufelchen genannt, war ein kulinarisches Aushängeschild der Region – das ist er jetzt nicht mehr.
Eingeschleppt wird die invasive Muschel auf simple Weise: Oft genügt es, ein SUP-Board nach dem Einsatz nicht gründlich abzuwaschen. „Menschen sind das größte Verbreitungssystem“, betont Vogelmann. Die winzigen, für das menschliche Auge unsichtbaren Larven heften sich an Wassersportgeräte, Angelzubehör oder sogar an Badebekleidung.
Die Verbreitung der Quaggamuschel hat nicht nur ökologische Auswirkungen. Die Tiere besiedeln in großer Zahl Leitungen und Filter. Sie setzen sich an den Innenwänden fest und verstopfen diese zunehmend. Das Resultat: aufwendige, teure Reinigungs- und Wartungsarbeiten – Kosten, die letztlich auch bei den Verbrauchern landen könnten.
Auch Badegäste bekommen die Muschelplage zu spüren – im wahrsten Sinne des Wortes. Am Bodenseeufer häufen sich scharfkantige Muschelschalen, die schnell zu Schnittverletzungen führen können. Am Starnberger See ist dieses Problem bislang weniger ausgeprägt: Die Quagga-Muschel wurde dort erst vor Kurzem nachgewiesen und hat sich noch nicht massiv ausgebreitet. „Der Peak wird noch kommen“, prognostiziert Vogelmann.
Ob ein See bereits von der Quagga-Muschel besiedelt ist, lässt sich auf mehreren Wegen feststellen. Grundsätzlich gilt jedoch: Damit ein Nachweis gelingt, müssen die Muscheln schon eine Weile im Gewässer leben und sich entsprechend vermehrt haben. „Die erste Muschel findet man nie“, erklärt eine Sprecherin des Landesamts für Umwelt (LfU). Entweder werden Wasserproben auf Zellen und DNA-Spuren untersucht – das nennt sich E-DNA-Analytik. Alternativ können die Larven über Zooplanktonproben nachgewiesen werden.
„Sobald ein Gewässer einmal besiedelt ist, gibt es bislang keine Möglichkeit, die Muschel vollständig zu entfernen“, sagt die Sprecherin. Auch Schmötzer macht sich keine große Hoffnung, den Staffelsee vollständig frei halten zu können. Mit einer laufenden Studie wollen Forschende am Bodensee prüfen, ob bestimmte Fischarten die Ausbreitung der Quagga-Muschel eindämmen können – indem sie sie fressen. „Das lässt sich jedoch nicht aktiv steuern“, ergänzt Vogelmann. Die wirksamste Bremse bleibt daher der Mensch: Wer Wassersportgeräte oder Ausrüstung nutzt, sollte sie nach jedem Einsatz gründlich reinigen. „Entleeren, reinigen, trocknen“, rät die LfU-Sprecherin. Das ist bisher der beste Schutz.ANASTASIA BONDARENKO MICHAELA SPERER