Gewässerwart Andreas Roßmann leert die Jungfische vorsichtig in die Behälter, bevor sie abtransportiert werden.
Behutsam kippt ein junger Teilnehmer nahe der Gollenbachbrücke einen Wasserschwall samt Mini-Bachforellen aus der Gießkanne in die Ache. Die Fischer hoffen, dass viele zu ausgewachsenen Exemplaren (kl. Bild) werden.. © K. Pfeiffer (2), Imago
Berchtesgaden – Jugendliche in Wathosen stehen knietief im kalten Wasser der Berchtesgadener Ache und hantieren mit kleinen Gießkannen. Was auf den ersten Blick wie ein skurriles Gartenprojekt mitten in der Strömung wirkt, ist eine Rettungsmission für das ökologische Gleichgewicht des Tal-Kessels. In den Kannen schwimmt die Zukunft der Region: 15.000 winzige Bachforellen, bereit für ihren ersten Tag in Freiheit.
Der Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee hat zur Besatzaktion gerufen. Es ist eine Antwort auf das schleichende Artensterben, den Druck durch räuberische Beutejäger und steigende Wassertemperaturen. Ohne diesen menschlichen Beistand hätte die Bachforelle eine deutlich schlechtere Überlebenschance. Bevor die Jugendlichen an die Flussufer der Region ausschwärmen können, herrscht im Vereinsheim am Kainbach emsige Betriebsamkeit. Gewässerwart Andreas Roßmann koordiniert die Verteilaktion an den Becken der Jungfische. Während die Erwachsenen am Gelände die Infrastruktur in Schuss halten, an einem neuen Materiallager zimmern und die massiven Betonbecken pflegen, konzentriert sich der Nachwuchs auf die Logistik des Lebens für die heimischen Gewässer.
Nichts wird dem Zufall überlassen. Auf Karten sind Zielorte markiert, an denen die Jungfische in die Ache gelassen werden. Jede Kurve und jeder Uferabschnitt der Berchtesgadener, Königsseer, Ramsauer, Bischofswieser und Marktschellenberger Ache ist verzeichnet. In großen Eimern auf den Ladeflächen der Autos, mit jeweils hunderten Fischen, soll der Fisch-Nachwuchs zu den auf den Karten markierten Standorten transportiert werden, etwa an der Gollenbachbrücke in Berchtesgaden, wo die Berchtesgadener Ache ruhig fließt, und sich Jungfische gut ansiedeln können. Dort koordinieren erfahrene Vereinsmitglieder die Verteilaktion. Pro Stopp werden mehrere hundert Bachforellen entladen, eine von den Fischern genau dosierte Menge, um den lokalen Lebensraum optimal zu besiedeln.
Marcus Riehl ist Fischer aus Leidenschaft, momentan auch Schriftführer im Verein. Er gibt den Nachwuchsmitgliedern Anweisungen und dient gewissermaßen als logistische Schnittstelle, weil in seinem VW Multivan nicht nur ein paar Leute Platz haben, sondern auch die Fische im Eimer transportiert werden. Mit einem kleinen, feinmaschigen Kescher hebt Riehl die quirligen, kaum streichholzlangen Bachforellen behutsam aus den großen Eimern und kippt sie über einen Trichter in die Gießkannen der wartenden Jugend.
Zunächst erfolgt eine behutsame Temperaturangleichung. Die Ache führt an diesem Tag rund sieben Grad kaltes Wasser, was kühler ist als das Milieu in den Transportbehältern. Ein direkter „Sprung“ ins kalte Nass könnte für die winzigen Organismen einen bedrohlichen Schock bedeuten. Erst als die Forellen an die herbe Frische ihrer neuen Heimat gewöhnt sind, beginnt das Ausbringen. Bei der Gollenbachbrücke und am Eisensteg nahe der Kugelmühle in Marktschellenberg suchen die Jugendlichen nach Unterständen wie kleinen Steinen oder ruhigem Kehrwasser. „Wir setzen sie dort aus, wo keine großen Räuber lauern“, erklärt Marcus Riehl. Würde man sie wahllos in tiefe Gumpen entlassen, wären sie innerhalb von Minuten leichte Beute für größere Jäger. Stattdessen wandern die Jugendlichen behutsam am Ufer entlang, bücken sich tief und kippen den Inhalt der Kannen in die Ache. Ein kurzer Schwall, und die Mini-Bachforellen schießen davon, um instinktiv Deckung zu suchen.
Diese jährliche Besatzaktion ist ein wichtiger Beitrag zum biologischen Gleichgewicht im Gewässer. Hoffnungsvoll ziehen die Artenschützer zum Abschluss bei einer Brotzeit im Vereinsheim Bilanz: 15.000 Bachforellen haben eine neue Heimat gefunden. Wenn auch nur ein Teil groß wird, im Fluss überlebt und sich vermehrt, wäre das ein großer Erfolg für die Fischer.KILIAN PFEIFFER